Morgens früh um fünf Uhr rückte das Räumkommando an. Am ersten Tag nach den Sommerferien leistete es in der Braunschweiger Grundschule Heinrichstraße ganze Arbeit. Die Männer schraubten alle Garderobenhaken ab und entfernten die große Infotafel am Eingang. Selbst die Schülerzeichnungen durften nicht an den Wänden hängen bleiben. Als um sieben Uhr die Schulleiterin Germaid Rau eintraf, stand sie fassungslos vor leer geräumten Gängen. Niemand hatte sie vor dem Überfall im Morgengrauen gewarnt, den die Braunschweiger Baubehörde angeordnet hatte. Die Aktion stand im Zeichen einer höheren Macht: des Brandschutzes.

Dieser Macht, so hat man den Eindruck, muss sich in Deutschland heute vieles unterordnen. Wenn Schulen plötzlich wie Strafanstalten aussehen, Kulturzentren schließen, Flughäfen nicht fertig und Bauprojekte immer teurer werden, dann hat das oft dieselbe Ursache: die Brandschutzbestimmungen. Diese wurden in den vergangenen Jahren immer strenger, so streng, dass Aufwand und Ertrag kaum noch in einem vernünftigen Verhältnis stehen.

Dass zum Beispiel in der Braunschweiger Grundschule alle Garderobenhaken abmontiert wurden, liegt an der steten Angst vor einem möglichen Feuer: An Garderobenhaken hängen schließlich Jacken und Mäntel – und die könnten bei einem Brand Feuer fangen und die Flure unpassierbar machen. Also, weg mit der Garderobe! "Nun mussten die Schüler ihre Schuhe und Jacken mit ins Klassenzimmer nehmen", erzählt Schulleiterin Germaid Rau und ärgert sich vor allem darüber, dass das "alles über meinen Kopf hinweg" geschah. Die Baubehörde hatte zwar den Hausmeister informiert, doch niemand hatte es für nötig gehalten, auch die Schulleiterin in Kenntnis zu setzen.

Braunschweig ist überall. In anderen Schulen müssen die hölzernen Kruzifixe von der Wand genommen werden – Brandgefahr! In Hamburg wurde vergangenes Jahr aus demselben Grund der traditionelle Weihnachtsbaum aus dem Rathaus verbannt. Dabei hatte der Baum bereits eine brandsichere elektrische Beleuchtung. Allein die Tatsache, dass er aus Nadelholz bestand, galt plötzlich als nicht tolerierbares Risiko. Auch anderswo muss die Tradition dem Brandschutz weichen. In Tübingen wollte man vor einigen Jahren die alte Sitte der Sänger- und Liedermacherfeste im Schlosshof wieder aufleben lassen – ging nicht, aus Brandschutzgründen.

Im benachbarten Stuttgart musste ausgerechnet das geliebte Wahrzeichen der Stadt, der 1956 eröffnete Fernsehturm, geschlossen werden. Nach fast sechs Jahrzehnten Besucherbetrieb stellte man mit einem Mal fest: Dem 216 Meter hohen Turm fehlt ja ein zweiter Fluchtweg! Von einer "lebensbedrohenden Falle" sprach im März 2013 Oberbürgermeister Fritz Kuhn und verfügte, die Stuttgarter Attraktion dichtzumachen. Erst im Januar dieses Jahres wurde der Fernsehturm wieder geöffnet.

Einen zweiten Fluchtweg hat er zwar immer noch nicht, dafür wurden fast zwei Millionen Euro in feuerfeste Materialien und andere Schutzmaßnahmen investiert. In Nürnberg, Köln und Hamburg dagegen sind die Fernsehtürme aus Angst vor einem Feuer bis heute für die Öffentlichkeit geschlossen. Weder die Städte noch private Pächter wollten die hohen Kosten für den Brandschutz übernehmen.

Wer heute im Brandschutzgewerbe tätig ist, darf sich über goldene Zeiten freuen. Rund sieben Milliarden Euro werden pro Jahr für Brandschutzprodukte insgesamt ausgegeben, schreibt das Branchenmagazin FeuerTRUTZ. Allein mit Brandmeldetechnik wurden 2015 knapp 1,7 Milliarden umgesetzt – Tendenz seit Jahren steigend. Man kann fast sicher sein: Wann immer irgendwo die Kosten für ein Großbauprojekt ins Uferlose steigen, geht es auch um den Brandschutz. Prominentestes Beispiel ist das Drama um den Berliner Hauptstadtflughafen. Seit vier Jahren verhindern dort Mängel an der Entrauchungsanlage die Eröffnung. Das hat nicht nur mit baulicher Schlamperei und Missmanagement zu tun, sondern auch damit, dass die Brandschutzanforderungen im Laufe der Bauzeit immer strenger wurden – und die nachträgliche Berücksichtigung dieser Auflagen viele Planungen über den Haufen warf. Auch dass der Großbahnhof Stuttgart 21 immer teurer und später als geplant fertig wird, hängt mit dem Brandschutz zusammen. Weil das Feuerkonzept geändert wurde, muss die Haupthalle des Bahnhofs neu geplant werden. Kosten: 78 Millionen Euro.

Wie im Großen, so im Kleinen. In Lokalzeitungen findet man immer wieder Geschichten von Hotelbesitzern oder Gastwirten, die wegen exorbitanter Kostensteigerungen beim Brandschutz ihre (zum Teil alteingesessenen) Häuser dichtmachen müssen. Leer stehende Wohnungen können nicht vermietet, Veranstaltungsräume nicht genutzt werden, weil ein zweiter Rettungsweg fehlt.