Angesichts dieser obsessiven Angst vor dem Feuer sollte man meinen, in Deutschland brenne es besonders häufig oder heftig. Dem ist keineswegs so. So vergleicht etwa die International Association of Fire and Rescue Services jedes Jahr weltweit die Feuergefahr in den Großstädten. Berlin – als einzige erfasste deutsche Stadt – liegt bei der Zahl der Feuer pro Million Einwohner im Mittelfeld, bei der Zahl der Todesopfer im unteren Drittel. Ohnehin fordern Brände in allen untersuchten Städten nur sehr wenige Opfer: Pro Million Einwohner sind es im Durchschnitt der internationen Großstädte elf im Jahr, in Berlin weniger als halb so viele.

Auch im Rest des Landes ist die Feuergefahr überschaubar. Genau 347 Tote durch "Rauch, Feuer und Flammen" zählte das Statistische Bundesamt in Deutschland 2014, das entspricht weniger als 0,1 Prozent aller Todesfälle. Zum Vergleich: 389 Menschen starben durch Ertrinken, 49 davon in einer Badewanne, beim Verschlucken von Nahrungsmitteln starben 299, beim Sturz von einer Leiter 130.

Im Straßenverkehr kommen regelmäßig zehn Mal so viele Menschen zu Tode wie bei Bränden. Würde man die Sicherheitsmaßstäbe für den Schutz vor Feuer an den Verkehr anlegen, dann dürften Autos nur noch mit Tempo 20 durch die Innenstädte schleichen – abgepuffert durch eine halbmeterdicke Rundumschaumstoffverkleidung.

Doch das ist die Logik der Statistik. In der öffentlichen Wahrnehmung ist die dunkle Rauchsäule eines Brandes allemal spektakulärer und angsteinflößender als der Blechhaufen eines Autounfalls. Genau diese Wahrnehmung setzt politische Reflexe frei. Zum einschneidenden Ereignis wurde der Brand im Düsseldorfer Flughafen im April 1996. Damals starben 17 Menschen, 72 wurden schwer, mehrere Hundert leicht verletzt. Ein Schwelbrand hatte sich in der Zwischendecke der Abflughalle ausgebreitet und auf einer Länge von mehreren Hundert Metern Kabel und Kunststoffe entzündet. Schlagartig waren Teile der Abflughalle verraucht, unter den rund 2.000 Menschen, die sich dort aufhielten, brach Panik aus.

Es war eine Zäsur für den Brandschutz, seine Folgen wirken bis heute nach. Denn als größte Gefahr gilt nicht mehr das Feuer, sondern giftiger Qualm. Die Vorschriften für Entrauchungsanlagen und Fluchtwege wurden nach und nach verschärft oder strenger ausgelegt. In den meisten Bundesländern ist heute die Anbringung von Rauchmeldern in Privatwohnungen Pflicht. Und im Zuge der allgemeinen Sicherheitsdebatte entwickelte sich der Drang zur Nullrisikokultur.

Schwere Brandschutztüren zwischen Treppenhaus und Fluren sollen nun die Ausbreitung von Rauch verhindern – für Rollstuhlfahrer sind sie kaum zu öffnen. Automatische Schließer sorgen dafür, dass Türen stets wieder zuschnappen, das (vielerorts praktizierte) Offenhalten mit Keilen oder Haken ist strikt verboten. Lösen Rauchmelder Alarm aus, sollen sich über den Treppenhäusern Dachklappen automatisch öffnen, damit der Rauch abziehen kann. Flure und Treppenhäuser, die als Fluchtwege dienen, müssen frei von sogenannten Brandlasten sein – Kleidung, Papier, Holz, Kunststoffen.

Dabei sind die in Hunderten Gesetzen, Verordnungen, Normen, Regeln und Ausnahmeregeln festgelegten Brandschutzauflagen an vielen Stellen schwammig und widersprüchlich. Wenn es etwa heißt, eine Nachrüstung sei "unverzüglich" vorzunehmen, dann denkt nur der Laie, damit sei "sofort" gemeint. In Wahrheit ist jeweils die "subjektive Zumutbarkeit des alsbaldigen Handelns" zu berücksichtigen. Derartige Vorgaben bringen jeden Praktiker zur Verzweifeln. Hinzu kommt, dass sich die Vorschriften von Bundesland zu Bundesland unterscheiden: Bauordnungen und Notfallpläne sind Ländersache. Mal sind Rauchklappen ab sieben Metern Geschossbodenhöhe Vorschrift, mal erst ab 13 Metern. In Bayern muss der Abzug einen Quadratmeter groß sein, in Brandenburg reicht unter bestimmten Voraussetzungen schon ein halber.

Auch die Sicherheitsphilosophie hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt, weg von konkreten Bauvorgaben, wie der Stärke von Brandwänden oder der Beschaffenheit von Türrahmen, hin zu allgemeinen Schutzzielen für Menschen, Gebäude und Umwelt. Ob die bei einer bestimmten Wand schon mit Feuerwiderstandsklasse F60 oder erst mit F90 erfüllt sind, kann ein Architekt oft nicht mehr beurteilen. Die Gesetzeslage und ihre mögliche Auslegung durch ein Gericht sind einfach zu unübersichtlich. Zunehmend sind Planer und Architekten deshalb auf sogenannte Brandschutzsachverständige angewiesen. Diese Sachverständigen leben davon, dass die Regeln möglichst zahlreich und die Kriterien für ihre Anwendung möglichst undurchsichtig bleiben. Inzwischen kann es passieren, dass die Hälfte der Kosten einer Baugenehmigung für das Brandschutzgutachten anfallen.

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Die Dresdener Brandschutz-Prüfingenieurin Sylvia Heilmann ist eine der wenigen Sachverständigen, die den Trend zur Überregulierung auch öffentlich anprangern. "Die Vollkommenheit im Brandschutz entsteht keinesfalls dann, wenn man nichts mehr hinzufügen könnte", schreibt sie in einem Fachaufsatz, "sondern sie ist dann erreicht, wenn auf nichts mehr verzichtet werden kann." Nicht alles Mögliche, sondern das unbedingt Notwendige sei der richtige Maßstab. Sachverständige müssten sich trauen, von der Anwendung einer unverhältnismäßigen Regel auch einmal Abstand zu nehmen. "Leider zeigt sich in der Praxis, dass sie diesem Anspruch nicht mehr gerecht werden können oder wollen."