Beim Brandschutz geht es eben nicht nur um Sicherheit, sondern auch ums Geschäft. Über 25.000 Fachleute sind heute in Deutschland in Sachen "Vorbeugender Brandschutz" tätig, ermittelte das Branchenblatt FeuerTRUTZ, der Bundesverband Brandschutz-Fachbetriebe e. V. (bvbf) berichtet von einem erfreulichen Mitgliederwachstum. Noch vor Jahren war die Szene zersplittert. 2011 wurden die einschlägigen drei Fachverbände zum bvbf fusioniert, um eine "Stärkung der einheitlichen Interessenvertretung" zu erreichen und "dem Brandschutz ein höheres politisches Gewicht zu verleihen". Die Lobbyarbeit ist offenbar vorzüglich gelungen.

In Braunschweig etwa verschlingt der Brandschutz inzwischen über ein Drittel des Etats für die Sanierung öffentlicher Gebäude, pro Jahr rund 20 Millionen Euro. Zusätzlich wurden 13 Stellen in Behörden und Feuerwehr neu geschaffen, um für Planung und Koordination des Brandschutzes zu sorgen.

Statt in die moderne Ausrüstung für Schulen zu investieren, muss neuerdings erst einmal dafür gesorgt werden, dass alle Gebäude einen zweiten "baulichen Rettungsweg" haben. Die Folgen dieser Vorschrift bekam beispielsweise die Braunschweiger Grundschule Hohestieg zu spüren. 123 Jahre lang hat niemand ein Problem darin gesehen, dass das wilhelminische Backsteingebäude nur ein einziges Treppenhaus besitzt. Dann hieß es: Sicherheitsrisiko! Nun steht seit 2015 an der denkmalgeschützten Fassade eine zehn Meter hohe provisorische Gerüsttreppe, die jede Woche 500 Euro Miete kostet. Mit dem Geld könnte man fast eine halbe Lehrerstelle finanzieren.

Zuvor wurde das Problem anders gelöst: Als zweiten Rettungsweg hatte man die Drehleiter der Feuerwehr eingeplant, die im Brandfall angerückt wäre. Über diese hätte man Schüler und Lehrer durch die großen Fenster der Klassenräume evakuieren können. Dieses Prinzip ist in vielen Gebäuden als zweiter Rettungsweg vorgesehen. Deshalb dürfen Wohnungen, zu denen bloß eine einzige Treppe führt, nur so hoch liegen, wie die Leitern der lokalen Feuerwehr lang sind.

Wenn allerdings enge Einfahrten oder Straßenbäume die Leiterwagen der Feuerwehr behindern würden, kann dieses Prinzip außer Kraft gesetzt werden – was vor allem bei der Genehmigung größerer Umbaumaßnahmen häufig zu bösen Überraschungen führt. Für sogenannte Sonderbauten aber – Schulen, Krankenhäuser, Kindergärten, Hotels oder Heime – geht überall der Trend zur zweiten fest verankerten Treppe, wenn möglich im Inneren des Gebäudes. Konkret vorgeschrieben ist das zwar nirgends, aber die bisherigen Regeln werden zunehmend eng ausgelegt.

Das liegt zum einen im sicherheitsorientierten Trend der Zeit. Zum anderen haben spektakuläre Brände das Umdenken befördert. In Braunschweig etwa brannten innerhalb weniger Monate eine Kita, eine Tiefgarage und zwei Sporthallen aus. Menschen kamen nicht zu Schaden, der Sachschaden aber war enorm. "Abstraktes ist plötzlich konkret geworden", sagt Michaela Springhorn, die leitende Baudirektorin der Stadt. Sie trägt die Verantwortung für den Brandschutz in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden und wendet die entsprechenden Regeln jetzt zunehmend restriktiv an. "Ich will ruhig schlafen können", sagt die Bauingenieurin.

Deshalb wurden im vergangenen Jahr elf Braunschweiger Schulen mit hässlichen provisorischen Gerüsttreppen ausgestattet. Die sind zwar teuer, aber eine feste Außentreppe wäre noch teurer. Rund 300.000 Euro müsste man dafür an der Grundschule Hohestieg veranschlagen. Im Büro der Schulleiterin Gabriele Hübner füllt der Briefwechsel zum Thema Brandschutzauflagen inzwischen einen dicken Leitz-Ordner. Bauzeichnungen stecken darin und viele Protokolle über durchgeführte Unterweisungen und Evakuierungsübungen, außerdem ein Runderlass des niedersächsischen Kultusministeriums. Auf 30 eng bedruckten Seiten werden dort Vorschriften für "Erste Hilfe, Brandschutz und Evakuierung" ausgebreitet. "Jeder dritte Satz ist unverständlich", sagt die Schulleiterin.

Für derartige Klagen hat selbst Michael Hanne Verständnis, der die Braunschweiger Berufsfeuerwehr leitet. Von Brandschutz-Aktionismus hält er nichts. Um die Räumung einer Schule müsse man sich zum Beispiel keine großen Sorgen machen. Im Alarmfall wüssten Schüler schon, wie sie am schnellsten ins Freie kommen. "Die machen doch alle 45 Minuten eine Evakuierungsübung Richtung Pausenhof", sagt Hanne.