Es ist erst 10.30 Uhr, doch für Eric Menges ist der Tag schon einige Stunden alt. Früh ist er von Frankfurt zum London City Airport geflogen, dann schob sich sein Taxi durch den Morgenverkehr. Nun sitzt er im Duck & Waffle, dem Restaurant im 40. Stock des Heron Tower, eines Hochhauses in der City, dem alten Finanzdistrikt. Dort oben liegt einem London buchstäblich zu Füßen, an guten Tagen reicht der Blick bis an den Stadtrand, doch an diesem Tag Mitte vergangener Woche hängen die Wolken tief. Es regnet.

Wach sieht Menges aus, sein Blick ist konzentriert, trotz der Strapazen. Er bestellt einen Flat White – eine Art Cappuccino. Dazu ein Rührei. 13 Jahre hat Menges für Australiens Regierung gearbeitet, die Nuancen der englischen Sprache kennt er gut. Weltgewandt tritt er auf, aber nicht aufdringlich.

"London ist eine der tollsten Städte der Welt, keine Frage", sagt Menges. Er weiß, er hat eine knifflige Aufgabe. Lange vor dem Referendum hatten Menges und weitere Lobbyisten des Standorts Frankfurt überlegt, was zu tun ist, wenn Großbritannien den Brexit wählt. Als es so weit war, hatten sie ein fertiges Drehbuch. Sofort stellten sie eine Website über die Rhein-Main-Region online, schalteten eine Hotline frei, erzählten Medien weltweit, in London bald Roadshows abhalten zu wollen. An dieser Stelle kommt Menges ins Spiel. Er wird nun zwei Tage mit britischen Managern sprechen, auch mit Indern und Japanern, die sich plötzlich für Frankfurt interessieren. Manch eine Bank hatte vorab Termine gemacht.

Noch weiß niemand, ob der Brexit tatsächlich kommt. Doch bereits jetzt buhlen Paris, Dublin, Luxemburg und andere Städte um die Banker an der Themse. Sollten Zehntausende die City verlassen, ist es an Eric Menges, möglichst viele von ihnen an den Main zu locken. Er sieht Deutschlands wichtigstes Finanzzentrum "bestens aufgestellt". Mehr Marketingsprech kommt nicht, Menges ist eher ein Mann der leisen Töne, darin ähnelt er der Stadt, deren Gesicht er in den nächsten Monaten sein wird. Und gerade deshalb könnte Frankfurt am Ende als Gewinner dastehen.

Bisher haben Banken aus New York, aus Nahost und dem fernen Asien London als Plattform genutzt, über die sie Geschäfte auf dem Kontinent einfädeln. Möglich machte das der EU-Pass, bei dem die Lizenz in einem Land der Europäischen Union reicht, um im Rest aktiv zu werden. Mit dem Brexit droht J.P. Morgan, Morgan Stanley oder der Bank of America, dass sie dieses Privileg verlieren und Aktivitäten in andere Länder der EU verlagern müssen.

Am Main arbeiten bereits 75.000 Menschen in der Finanzbranche, nun hofft man auf 10.000 neue Jobs in den nächsten fünf Jahren. London würde das weniger treffen. Dort befassen sich 360.000 Menschen mit Geld. Juristen, Berater und Wirtschaftsprüfer mit eingerechnet, sind es sogar 714.000. Wann, wenn nicht jetzt, sollte Frankfurt aufschließen? Dort sitzen die Europäische Zentralbank, die Versicherungsaufsicht der EU sowie die Eurex, weltweit eine der wichtigsten Börsen für den Handel mit Derivaten. Es gibt eine immer stärkere wissenschaftliche Community, beste Verkehrsanbindungen und viele Gewerbeflächen. Da der Brexit die Pläne für eine Fusion der Deutschen Börse mit der London Stock Exchange bedroht, ist sogar wieder denkbar, dass die Stadt doch noch zum Hauptsitz von Europas führendem Handelsplatz wird – statt wie bisher vorgesehen London.

Euphorie käme zu früh. "Frankfurt wird sicher zu den Gewinnern zählen, aber ob es der Gewinner sein wird, ist noch offen", sagt Nick Jefcoat. Der Brite lebt seit 23 Jahren in Deutschland, ist Vorsitzender der Deutsch-Britischen Gesellschaft in Frankfurt und hat lange Zeit bei großen US-Banken gearbeitet. Er weiß, dass die Konkurrenz beachtlich ist. Dublin, wo Google und Facebook Dependancen haben, könnte die Finanz-Start-ups anziehen, Luxemburg die Fondsmanager. Härtester Wettbewerber dürfte aber Paris sein, das einen doppelt so großen Finanzsektor hat und mit seinem französischen Savoir-vivre lockt. Der neue Konzertfilm von U2 heißt natürlich Live in Paris, nicht Live in Frankfurt.

Angelsächsische Medien ätzen dieser Tage, Frankfurt sei "ziemlich klein" (CNN), "provinziell" ( Financial Times) und "langweilig" ( Wall Street Journal). Da passt es leider ins Bild, dass auf der neuen Website der Region über etwas "called the Mietspiegel" geschrieben wird. Als ob Banker, die in London selbst für kleinste Butzen Tausende Pfund im Monat bezahlen und in Restaurants wie dem Tramshed essen, dessen Herzstück eine Skulptur des Starkünstlers Damien Hirst bildet, mit der Höhe deutscher Mieten haderten.

Eric Menges beirrt das nicht. Er ist Kopf einer Gesellschaft, die für die Rhein-Main-Region weltweit Standortmarketing betreibt, und wird nun häufiger nach London fliegen. Er setzt weniger auf Cocktailempfänge und mehr auf die gezielte Ansprache, den persönlichen Austausch. "Zu meinem Job gehört es, Klinken zu putzen, mit Vorstandschefs und Managern von Unternehmen ins Gespräch zu kommen, die wissen, was sie wollen, und ganz konkrete Fragen haben", sagt Menges. Er wolle niemanden überreden, aus London wegzuziehen, aber natürlich Frankfurts Stärken erklären. Wie er so am Tisch sitzt, ruhig, zuhörend, wird klar, dass Menges an Beharrlichkeit glaubt: "Natürlich könnten wir jetzt eine massive Kampagne starten. Aber Plakate würden sicher schnell mit Nazisymbolen beschmiert werden und ansonsten wahrscheinlich wenig bewirken."

Mag Paris ruhig mit Steuervorteilen locken und Präsident François Hollande aggressiv für die französische Hauptstadt werben – in Frankfurt glauben sie, dass weniger am Ende mehr ist. Sie wissen: Ihre Stadt hat niedrigere Lebenshaltungskosten, internationale Schulen, die Schirn Kunsthalle und das weltweit beachtete Städel Museum, ein Kulturleben, über das die New York Times schreibt, kurze Wege, viel Grün. Die Stadt begeistert wenige auf den ersten Blick, dafür umso mehr auf den zweiten – und weiß darum. Selbstbewusst, aber gelassen, das ist Frankfurt. Und bei Bedarf "gibt es eben ein paar Sternerestaurants mehr", sagt ein Banker beim Lunch in der Innenstadt.

Die neue Website hatte in den ersten drei Tagen bereits mehr als 5.000 Besucher aus dem Raum London, heißt es. Und man wisse auch, dass in Großbritanniens Hauptstadt schon die ersten Makler neue Aufträge bekommen hätten: Sie sollen in Frankfurt Immobilien suchen.