Das deutsch-französische Verhältnis war stets Dreh- und Angelpunkt der europäischen Integration. Die Überwindung der historischen Rivalität – der "Erbfeindschaft" – durch Präsident de Gaulle und Kanzler Adenauer war der Ausgangspunkt für die europäische Einheit. Das macht die historische Bedeutung des Élysée-Vertrages von 1963 aus.

Für die Mehrheit der Menschen ist die deutsch-französische Freundschaft heute selbstverständlich, so selbstverständlich, wie es das Leben in einem Europa ohne wirkliche Grenzen bis vor wenigen Monaten war. Dieses Leben ohne innereuropäische Grenzen ist heute bedroht. Denn statt es in unruhigen Zeiten offensiv zu verteidigen, flüchten viele lieber unter das eigene nationale Dach.

Europa aber lebt nur, wenn es positive Energie ausstrahlt. Heute strahlt es diese Energie nicht mehr aus. Um das zu ändern, bedarf es eines starken Wiederbelebungsimpulses der Gründungsstaaten der Europäischen Union. Allen voran Deutschland und Frankreich müssen ihrer Partnerschaft neues Leben einhauchen, die eingefahrene Routine überwinden und einen neuen europäischen Elan verbreiten.

Deutsche und Franzosen teilen ein kollektives Empfinden, das viel tiefer geht als alle Politik und Strategie. Es besteht darin, im jeweils anderen den engsten und vertrautesten aller Partner zu sehen. Diese bis heute einmalige Umkehr der feindseligen Geschichte beider Völker ist ein Aktivposten, den wir nicht aufgeben dürfen. Er ist vielmehr der Hebel des Archimedes, der Europa aus der Krise heben kann. Das Erbe de Gaulles und Adenauers muss daher nach der Bundestagswahl und der Präsidentschaftswahl in Frankreich, beide im Jahr 2017, neu definiert werden. Denn das Fundament der deutsch-französischen Freundschaft, der mittlerweile 53 Jahre alte Élysée-Vertrag, braucht eine Erneuerung und Erweiterung. Wir brauchen ein "Élysée 2.0".

Das britische Brexit-Referendum zeigt: Innerhalb der Europäischen Union erstarken die Kräfte der Desintegration und der Renationalisierung. In Frankreich ist das seit Jahren offensichtlich, aber auch Deutschland, das aufgrund seiner Geschichte lange Zeit immun zu sein schien, wird anfälliger für den Populismus.

Fürchten müssen wir uns vor dem um sich greifenden nationalen Egoismus in Europa. Wir brauchen daher wieder mehr gemeinsames Handeln statt nationaler Abgrenzungen und Alleingänge. Es war nicht gut, dass Frankreich seine jüngsten Militärinterventionen in Mali, Zentralafrika und Syrien allein beschloss. Es war auch nicht angemessen, dass Deutschland ohne ausreichende europäische Abstimmung in der Flüchtlingsfrage entschieden hat. In Zukunft müssen Deutschland und Frankreich gemeinsam und koordiniert vorangehen – für mehr statt weniger Europa.

Die Attentate in Frankreich und Belgien haben uns vor Augen geführt, dass wir den Terrorismus entschieden und geschlossen bekämpfen müssen. Ebenso gilt es, die Flüchtlingsbewegungen in Europa zu steuern und zu begrenzen. Wir müssen zu einem partnerschaftlichen Verhältnis zu Russland zurückfinden. Und wir müssen die europäische Integration fortsetzen.

Ausgangspunkt aller Überlegungen zur Zukunft Europas ist die Feststellung, dass sich die USA politisch von Europa entfernen. Die USA konzentrieren sich heute mehr und mehr auf ihre nationalen Interessen. Zudem gewinnen Länder wie China und Indien wirtschaftlich und politisch an Macht. Der Aufstieg dieser Staaten verändert auch das transatlantische Verhältnis. Die USA definieren ihre Rolle als "pazifische Nation", die stärker auf Asien als auf Europa ausgerichtet ist. Das bedeutet, dass Europa aus eigener Kraft um seine politische Zukunft kämpfen muss.