Das Votum der britischen Bevölkerung für einen Austritt aus der EU stellt – nach Jahrzehnten des Zusammenwachsens der Mitgliedstaaten – einen scharfen Einschnitt in den europäischen Integrationsprozess dar. Doch dies muss keineswegs dessen Ende bedeuten, sofern jetzt die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden.

Das Prinzip der Subsidiarität sollte die Reformdebatte leiten: Das gemeinschaftliche Vorgehen sollte nur dort vertieft werden, wo gemeinsames Handeln zu besseren Lösungen führt, etwa bei der Sicherheits-, Asyl- und Klimapolitik. Die einzelnen Mitgliedstaaten müssen hingegen wieder mehr Verantwortung für ihre Entscheidungen in denjenigen Politikbereichen übernehmen, in denen ihre Bürger unterschiedliche Wünsche und Vorstellungen haben und deshalb die nationale Souveränität nicht aufgeben wollen, etwa bei der Fiskal-, Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik.

Um langfristig hohes Wachstum zu gewährleisten, sind die europäischen Volkswirtschaften gefordert, sich im Vergleich zur Vergangenheit nicht weniger, sondern mehr um die Stärkung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit zu bemühen. Deshalb ist es wichtig, den europäischen Binnenmarkt zu vollenden. Er ermöglicht es den Unternehmen und Haushalten, sich an die Herausforderungen der Globalisierung anzupassen – und die Vorzüge der internationalen Arbeitsteilung und des Wettbewerbs der Ideen in mehr Wohlstand umzusetzen.

Doch wurden die Bürger darauf vorbereitet, dass der verschärfte Wettbewerb auch eine höhere Leistungsbereitschaft verlangt? Nein. Vielmehr wurden sie dazu verleitet, von Europa vor allem mehr Schutz vor dem globalen Wettbewerb zu erwarten, was sich letztlich als Illusion erweisen musste.

Wie sollte es nun weitergehen? Im Falle eines formellen Austrittsgesuchs der Briten gilt es, in den anstehenden Verhandlungen ohne Zorn und doch in der Sache hart zu verhandeln. Dabei muss das Signal vermieden werden, die Mitgliedschaft im Club sei nur mit Blick auf dessen Privilegien, aber ohne die damit verbundenen Verpflichtungen zu haben. Ein Rosinenpicken darf es nicht geben. Die EU wäre außerdem schlecht beraten, eine bedingungslose Strategie der "immer engeren Einheit" zu verfolgen. Eine überhastete Vertiefung – etwa in Richtung einer europäischen Sozialunion – wäre kaum nachhaltig. Sie würde lediglich vortäuschen, dass der Wohlstand in Europa gesichert werden kann, indem ein Bollwerk gegen die Globalisierung errichtet wird.

Eine Verlagerung von finanzpolitischen Kompetenzen auf die europäische Ebene würde – um nicht Fehlanreize zu setzen – einen weiteren Verzicht auf nationale Souveränität erfordern. Die politische Lage in vielen Mitgliedstaaten legt nahe, dass dies derzeit wohl kaum zu verwirklichen ist. Daher ist es sinnvoll, die Fiskal- und Wirtschaftspolitik in nationaler Souveränität zu belassen und gleichzeitig eine gemeinsame Haftung für Staatsschulden auszuschließen. Die Glaubwürdigkeit des Nicht-Beistandsgebots sollte durch die Einführung eines staatlichen Insolvenzmechanismus gestärkt werden. Diese Reformen würden die Verantwortung für die Konsequenzen politischen Handelns wieder zu den eigentlichen Entscheidungsträgern verlagern: den Regierungen der EU-Mitgliedstaaten. Diese könnten nicht länger die Verantwortung für unangenehme Maßnahmen an "Brüssel und Berlin" abschieben.

Ziel muss es sein, Europa durch seinen wirtschaftlichen Erfolg so attraktiv zu machen, dass die Bürger seine Vorteile besser verstehen, und gleichzeitig die Identifikation mit dem europäischen Projekt zu stärken. Anders als es rechtspopulistische Politiker suggerieren, kann ein rein nationalstaatliches Vorgehen weder der Lösung der gemeinsamen Herausforderungen – etwa bei der Sicherheitspolitik – dienlich sein, noch könnte eine Abkehr vom Binnenmarkt eine vielversprechende Basis für dauerhaften Erfolg in der globalisierten Weltwirtschaft darstellen.