Unser Wunschtraum, Island und Wales im Endspiel um die Europameisterschaft zu sehen, ist ja nun geplatzt, was bei Wunschträumen leider die Regel ist. Gleichwohl kann man sich fragen, weshalb es den Isländern in Kürze gelungen ist, die Sympathie der Fußballwelt zu erringen, zuvörderst wohl die Zuneigung des in Fußballdingen wenig kompetenten Fernsehzuschauers. Der erinnerte sich an seine frühen Kickerjahre und sah voller Freude, wie die Isländer bedenkenlos voranstürmten – anders jedenfalls als die schlau mauernden Italiener.

Der juvenile Sturm und Drang kann aber nicht der einzige Grund der allgemeinen Islandbegeisterung sein. Italien zum Beispiel ist ja bei den Deutschen sehr beliebt, wegen des Weins, der sonnigen Strände und der schönen Frauen. Die Kathedralen und Paläste fügen sich in das seit je geliebte Bild. Island nun hat weder Kathedralen noch Paläste, als Badeort und Weingegend ist es nicht eben bekannt, und über die Schönheit der Isländerinnen schweigt des Sängers Höflichkeit.

Sehr wohl aber erinnert sich der Sänger an den Ausbruch des Eyjafjallajökull im Frühjahr 2010, als er und viele seiner Freunde in diversen Flughäfen festsaßen, weil der Vulkan mit dem unvergesslichen Namen eine Aschewolke ausgestoßen hatte und hunderttausend Flüge gestrichen wurden. Selbst wenn wir annehmen wollten, die Isländer hätten daran keine Schuld gehabt, so war das doch kein schöner Zug dieser bizarren Insel, deren Zugehörigkeit zu Europa füglich bezweifelt werden kann, liegt sie doch je zur Hälfte auf der nordamerikanischen wie auf der eurasischen Platte.

Das Geheimnis seines Fußballkönnens liegt vermutlich darin, dass der Isländer es gewohnt ist, auf schwankendem Boden zu leben und selbst im Taumeln noch den Ball zu treffen. Er ist umgeben von 31 aktiven Vulkanen. Ausbrüche und Erdbeben sind für ihn so gewöhnlich wie für unsereins ein Gewitter. Gerade diese exotische, herzerfrischende Apartheit ist es, die ihm die Herzen aller zufliegen lässt. Endlich mal was anderes! Man hat sich darüber gewundert, dass eine Population von 334.000 Menschen – das entspricht der Einwohnerzahl von Bielefeld – eine derartige Fußballmannschaft hervorbringen kann. Frankreich hat zweihundertmal so viele Einwohner, hat aber nicht zweihundertmal besser gespielt. Es ist klar, dass solche Rechnungen nicht weit führen. Dann müsste nämlich Indien viertausendmal besser spielen als Island. Dass dies nicht sein kann, begreift sogar ein Isländer.