Er ist das einzige Wesen, das außer kleinen Mädchen Rosa tragen kann – ohne dass es peinlich ist. Und dann dieser magere Hals, die dünnen Stelzen. Der Flamingo ist doch ein recht eigenwilliges Tier. Wie er immer so gelangweilt herumsteht auf einem Bein und einen auf exotisch macht. Sein Anblick erinnert an Miami Vice, an Palmen, Meer und tropische Früchte. Dabei begegnet man dem Vogel inzwischen überall.

Man sieht ihn auf Bettbezügen, Duschvorhängen, Eierbechern, Handyhüllen, Tassen, LED-Leuchten, Partybrillen. Es gibt Flamingos zum Kuscheln und zum Aufblasen, zum Naschen von Haribo oder zum Anziehen auf Kleidern von H&M.

Ein ganzer Schwarm von Designern kann gar nicht mehr von dem Tier lassen, wie Mary Katrantzou, die ihn auf T-Shirts (330 Euro) druckt. Es gibt den Flamingo als Stiletto ("Flamingo Frill" von Sophia Webster), als Champagner ("Flamingo Limited Edition", Moët & Chandon), als Duft ("Pink Flamingos" von Prada) und als Lipgloss ("Pink Flamingo" von Marc Jacobs). Die Kosmetiklinie Mac hat gleich einen ganzen "Flamingo Park" an pinkfarbenen Produkten. In Guccis aktueller Kampagne stehen Flamingos wie Ausrufezeichen neben exzentrisch gekleideten Models. In Buchholz in der Nordheide steht sogar ein "Flamingo Dönerhaus". Was will dieser Vogel bloß überall?

Ein amerikanischer Künstler mit dem schönen Namen Don Featherstone erkannte wohl als Erster sein großes Potenzial. 1957 entwarf er für die Firma Union Products den rosa Plastikflamingo und brachte ihn in die Vorgärten amerikanischer Arbeiterfamilien. Da stand er dann hinter dem Bretterzaun wie hierzulande der Gartenzwerg. Genau genommen, waren es zwei, der eine stehend, der andere den Hals nach unten gebeugt zur Futteraufnahme, produziert im modernen Spritzgussverfahren. "Wir haben den Leuten tropische Eleganz in einem Karton für weniger als zehn Dollar verkauft", sagte Featherstone. Schlechten Geschmack und Kitsch konnten sich zuvor nur die Reichen leisten.

Seine trashige Apotheose fand der Flamingo 1972 in John Waters’ Film Pink Flamingos und machte die Dragqueen Divine damit zum Underground-Star. Waters feierte in dem Film alles ab, was dem Gegenteil des weißen suburbanen Amerikaners entsprach: subversiven Lebensstil, Drogenabhängigkeit, sexuelle Devianz. Schwulenbars nannten sich fortan Flamingo. Schließlich gibt es auch unter Flamingos homosexuelle Paare.

Dann verschwand der Vogel für einige Jahre – bis er als Muster in unsere Gegenwart zurückkehrte. Jetzt steht er plötzlich auf den Balkonen von Berliner Latte-macchiato-Pärchen, tritt auf als aufblasbarer Tanzpartner bei Festivals oder als Begleiter an einem ganz gewöhnlichen Tag. Wer will schon kein Flamingo sein, in einer Welt voll Terror und AfD?

Der bunte, wilde Vogel, einst Wahrzeichen suburbaner Zufriedenheit, später des schwulen Stilprotests, dient heute dem Mainstream als Symbol der Lebensfreude: einfach mal verrückt sein, Farbe bekennen. Er ist das Maskottchen einer Gesellschaft der Eigenwilligen, deren gemeinsames Merkmal ausgerechnet ihre Individualität sein soll. Übrigens färbt sich das Gefieder der Flamingos erst mit ihrer Geschlechtsreife rosa. Dann also, wenn der ganze Spaß beginnt.

Inzwischen leben Flamingos sogar an hiesigen Seen, in Moor- und Heidegebieten. Im Zwillbrocker Venn, in der Nähe der holländischen Grenze, siedelt eine ganze Flamingo-Kolonie. Rund 50 Tiere, mehrheitlich südamerikanische Chileflamingos, Rosaflamingos, karibische Kubaflamingos und ihre Hybriden.