Seit Tagen geistern die Schreckensbilder durchs Internet: das Schwarz-Weiß-Video von der Überwachungskamera, auf dem ein Terrorist Passagiere durch den Istanbuler Flughafens jagt, ehe er sich in die Luft sprengt. Die Szene des Taxifahrers, der ein schwer verwundetes Kind im Arm trägt. Das Foto vom Arbeiter, der Blutspritzer von einer Wand wischt. Zerfetzte Glasscheiben, geschockte Passagiere, verlassene Check-in-Schalter – vieles sieht genauso aus wie am Brüsseler Flughafen, wo Terroristen am 22. März gemordet haben. Welcher Airport ist als Nächstes dran?

Früher haben Terroristen Flugzeuge gekapert, hochgebombt oder sie wie am 11. September 2001 als monströse Waffen missbraucht. Seither sind die Sicherheitskontrollen schärfer geworden und Angriffe dieser Art schwieriger. Stattdessen nehmen die Attentäter nun die Flughäfen ins Visier. Die sind das perfekte Terrorziel: voller Menschen und meist frei zugänglich. Ob Frankfurt, München oder Hamburg – bis zum Security-Check für Passagiere gibt es keine sichtbaren Kontrollmaßnahmen. Da liegt der Schluss nahe: Auch die Flughäfen brauchen mehr Überwachung. Noch mehr Sicherheitschecks. Am besten schon vor dem Eingang.

Doch dieser Ansatz ist falsch. Es wäre Aktionismus, jetzt jeden Flughafen zum Hochsicherheitstrakt aufzurüsten. Allein schon deshalb, weil das den Terror nicht verhindert, wie der furchtbare Anschlag von Istanbul zeigt. Am Atatürk-Flughafen gibt es seit Längerem Einlasskontrollen am Terminaleingang. Ebendort, vor dem ersten Checkpoint, eröffnete der erste Attentäter das Feuer und tötete wahllos. Das Chaos nutzte mindestens ein weiterer Terrorist aus, um in die Abflughalle zu gelangen und dort zu morden. Der dritte Attentäter sprengte sich außerhalb des Terminals in die Luft. Offenbar wollte er flüchtende Menschen mit sich in den Tod nehmen.

Einlasskontrollen verlagern nur das Anschlagsziel. Als die Abflughalle des Brüsseler Flughafens im Mai wiedereröffnet wurde, mit Kontrollstelle davor, bildeten sich dort Warteschlangen mit Hunderten Menschen. Terroristen hätten an diesem Ort ein weiters Blutbad anrichten können. Ihr Ziel, Angst und Schrecken in unserer freien Gesellschaft zu verbreiten, würden sie damit genauso erreichen wie mit einem Attentat innerhalb des Gebäudes. Irgendeine Handykamera wird es schon filmen.

Es wird immer eine Warteschlange an Übergängen von einem ungesicherten zu einem gesicherten Bereich geben. Würde man diese etwa vor der U-Bahn hin zum Flughafen einrichten, würde sich an der Sicherheitsschleuse am Bahnhof eine Schlange bilden. Würde man den Bahnhofseingang kontrollieren, würden Menschenmassen vor den Durchleuchtungsgeräten anstehen.

Apropos Bahnhöfe: Die wären auch ideale Anschlagsziele, ebenso wie belebte Einkaufsstraßen (das Ziel der Attentäter vom vergangenen Sonntag in Bagdad), Märkte, Fähren, Volksfeste oder auch ein Public Viewing. Kurz gesagt: jeder Ort, an dem viele Menschen auf engem Raum zusammen sind. Sie alle perfekt zu schützen ist unmöglich. Und selbst wenn: Wollten wir wirklich in so einer durchleuchteten Gesellschaft leben?

Als sichersten Flughafen der Erde rühmen Experten den Ben Gurion Airport von Tel Aviv. Das Gelände weit außerhalb der israelischen Metropole ist mit mehreren Sicherheitsringen versehen; der erste Checkpoint liegt weit vor dem Terminal. Neben Hightech aller Art kommen Hunderte Militärs, Polizisten und Geheimdienstmitarbeiter zum Einsatz. Bisher hat sich an Israels internationalem Flughafen nicht ein einziges Attentat ereignet.

Aber dieses Konzept lässt sich nicht kopieren – und das nicht bloß, weil hierzulande das Grundgesetz der Bundeswehr solche Einsätze verbietet. Woher etwa sollten all die jahrelang ausgebildeten Anti-Terror-Spezialisten und Geheimdienstler kommen, wie sie Tel Aviv hat? Zudem wurden große Teile des Ben Gurion Airport von Anfang an mit dem Ziel gestaltet, größtmöglichen Schutz vor Attentaten zu bieten. Ganz anders als etwa der über acht Jahrzehnte gewachsene Frankfurter Flughafen mit all seinen Ecken, Winkeln und Tunneln.

Der Frankfurt Airport liegt im Herzen des Rhein-Main-Gebietes, eines der größten Ballungsräume Deutschlands. Selbst ohne ein einziges Flugzeug wäre er wohl das wichtigste Verkehrsdrehkreuz der Republik. Die S-Bahnen, die hier zwischenstoppen, befördern Zehntausende Pendler weiter nach Frankfurt, Mainz, Wiesbaden. Die ICEs steuern nach dem Halt am Fernbahnhof Stuttgart, Köln oder Nürnberg an. Und am Nordostrand der Airport City, am Frankfurter Kreuz, treffen die A 3 und die A 5 aufeinander. Mehr als 300.000 Fahrzeuge kommen täglich vorbei. Wo will man hier auf engstem Raum Checkpoints einrichten, wie könnte man den Flughafen nach dem Muster von Tel Aviv umbauen, ohne den Luft-, Schienen- und Straßenverkehr mindestens monatelang komplett lahmzulegen? Der Frankfurt Airport ist mitten im Leben. Gut so.

Natürlich werden die Sicherheitsbehörden zusammen mit den Flughafenbetreibern neue Maßnahmen ertüfteln müssen, um Gäste und Airport-Mitarbeiter zu schützen. So sieht man neuerdings auch hierzulande Polizisten mit umgehängten Maschinengewehren oder Sprengstoffhunden in den Terminals patrouillieren. Manches Attentat ließe sich verhindern, würden sich nationale Sicherheitsbehörden in Europa endlich konsequent vernetzen und ernsthaft zusammenarbeiten. Wie sonst sollen sie grenzüberschreitend agierende islamistische Netzwerke ausheben oder den grenzüberschreitenden Waffenhandel eindämmen?

Vieles lässt sich verbessern. Ein Restrisiko bleibt. Am Flughafen und anderswo. Die Alternative wäre, unser freies, mobiles Land in einen Hochsicherheitstrakt zu verwandeln.