Genau darauf hat dieses Land der Philosophen gewartet: 4 : 0 zur Halbzeit, gute Unterhaltung, neue Helden und ein überzeugender Sieg gegen Island. Frankreich ist bis heute keine Fußballnation, und Fußballphilosophie ist in diesem Land ein Thema für nur wenige Eingeweihte. Doch die Menschen haben nicht verlernt, die Feste zu feiern, wie sie fallen.

Dieses war ein echtes Fußballfest. Nie zuvor bei einer Europameisterschaft gelangen einer Mannschaft vier Tore in einer Halbzeit. Galten die Isländer bis dahin als der geliebte Außenseiter des Turniers, konnten sich die französischen Gastgeber nun getrost für die eigene Mannschaft begeistern: "Jetzt glauben wir an euch", titelte am nächsten Morgen die Sportzeitung L’Équipe. Die Radioprogramme kannten auch zwölf Stunden nach dem Spiel fast kein anderes Thema. Und sogar Lyashid, der sonst an Fußball wenig interessierte Wirt des einfachen Pariser Eckcafés La Roseraie, frohlockte: "Heiß wird es am Donnerstag werden, sehr heiß!" Damit meinte er nicht nur das Wetter in Marseille beim Halbfinale Frankreich – Deutschland. Er dachte an eine große bevorstehende Fußballschlacht zwischen Frankreich und Deutschland wie einst 1982 oder 1986 – aber vor allem dachte er: an nichts anderes.

Denn endlich geht es auch für den Gastgeber nur noch um Fußball. Attentate, Streiks und Brexit-Krise sind einen Moment vergessen – solange nicht doch noch etwas Dramatisches passiert.

Der Moment der Leichtigkeit kam zögerlich und nicht von selbst. Frankreichs Einzug ins Halbfinale allein hätte nicht ausgereicht, um die Fans für diesen Sport zu begeistern. Was sie überzeugt hat, ist die Zusammensetzung der Mannschaft und der Fußball, den sie spielt. Franzosen sind in der Regel keine Fußball-Liebhaber, vielmehr blickt man in anderen Zeiten des Jahres auf ihn herab. Franzosen sind schonungslose Ästheten. Die Stars mussten liefern, und dabei musste das Spiel auch noch gefällig anzusehen sein.

Ohne Antoine Griezmann wäre das nicht gelungen. Der Zauberlehrling wird immer mehr zum neuen Liebling der Nation – und seiner Mitspieler, die dem 25-Jährigen nach dem Torschuss den linken, genialen Fuß küssten. Erinnerungen an den französischen Torwart Fabien Barthez kommen hoch, dessen Glatze die Mitspieler der Weltmeistermannschaft von 1998 und schließlich sogar der damalige französische Präsident Jacques Chirac mit Küssen herzten. Barthez war wie Griezmann nicht nur ein Ausnahmespieler, er hielt die Mannschaft zusammen, und auch er war einer der wenigen in Frankreich geborenen Spieler unter den vielen Athleten mit Migrationshintergrund.

Diese Rolle übernimmt heute Griezmann. Vor drei dunkelhäutigen Mittelfeldspielern im Team bildet er gemeinsam mit Olivier Giroud die Sturmspitze. Der 1,75 Meter kleine Griezmann wuchs im Burgund-Städtchen Macon auf, im ländlichen Frankreich. Kaum ein Lehrer, der Griezmann früher unterrichtete, wurde noch nicht im französischen Fernsehen interviewt. Es soll bloß nicht auffallen, dass Griezmann schon als Jugendlicher aufgebrochen ist, um seine Ausbildung zum Fußballer im spanischen Baskenland zu genießen. Nicht zufällig spielt er heute für Atlético Madrid.

Die Franzosen stuften ihn als zu schmächtig ein. Griezmann führt bei dieser Europameisterschaft vorerst mit seinen vier Treffern die Torschützenliste an. Und wie er sie schoss! Zuletzt gegen Island mit einem kunstvollen Heber. Dabei wirkt er noch immer wie der kleine französische Junge von nebenan, nicht zu brav, nicht zu frech – als "petit taille, grand talent" bezeichnen sie ihn heute, kleine Taille, großes Talent.

Menschen aus Griezmanns Umfeld sagen, der Trainer müsse durchaus ein Auge auf ihn haben. Er tappe leicht in die Falle der Selbstinszenierung. So zelebriert er nach Toren immer den Daumenlutscher, als Hinweis darauf, dass er im April Vater geworden ist. Nach dem Achtelfinale gegen Irland, in dem er beide Tore schoss, schenkte er sein Trikot einem bekannten französischen Fernsehmoderator. Den Einzug solcher Sitten versucht der rationale Didier Deschamps eigentlich zu bekämpfen. Für außergewöhnliche Talente scheint er jedoch Ausnahmen zu machen: So tat er bei dieser EM alles, um Griezmann als hängender, frei beweglicher Spitze hinter Giroud den Platz auf dem Spielfeld einzuräumen, der ihm am besten gefällt.

Deschamps ist ein Profi mit festen Wertvorstellungen, er gleicht eher einem Befehlsgeber als dem modernen, einfühlsamen Fußballlehrer. So nahm er den Spielern beim Aussteigen aus dem Mannschaftsbus auf dem Weg zum Spiel Modeartikel und andere Werbeträger ab, die nichts mit Fußball zu tun hatten.

"Das Kollektiv ist alles", sagt er vor der Halbfinalpartie gegen Deutschland. Er wählt Spieler akribisch aus, bevor sie vor die Presse treten, wie Hugo Lloris, seinen Mannschaftskapitän, und Moussa Sissoko, seinen treuesten Gefolgsmann. Seinem Mittelfeldstar Paul Pogba soll er vor dem Turnier Interviewverbot erteilt haben.

Tatsächlich war die Ausgangssituation für Deschamps schwierig: Ihm fehlten aufgrund von Verletzungen und einer Suspendierung drei Schlüsselspieler, in der Abwehr (Raphaël Varane), im Mittelfeld (Lassana Diarra) und im Angriff (Karim Benzema). Deschamps blieben nur noch zwei Spieler von potenziellem Weltklasseformat: Griezmann und Pogba. Um diese beiden herum musste er das neue Team aufbauen. Nachdem es beim Auftaktspiel gegen Rumänien schlecht lief, nahm Deschamps seine beiden Stars beim zweiten Spiel gleich ganz raus. Eine für alle Seiten klärende Maßnahme: Denn ohne Griezmann und Pogba ging gar nichts mehr.

Beide kamen zurück – in neuen Rollen: Griezmann wechselte vom Flügel auf seine Lieblingsposition in der Mitte. Der 20 Zentimeter größere Pogba, der das Spiel in einer perfekten Symbiose zu Griezmann mit seinem kräftigen Körper und seinem Willen bestimmt, fiel vom offensiven zurück ins defensive Mittelfeld. Das zwang ihn, Dribblings zu unterlassen und geradliniger zu spielen. Der 23-Jährige fand ins Mannschaftsspiel.

Aus der Not heraus hatte Deschamps, Kapitän der Weltmeistermannschaft von 1998, nicht nur das Spiel perfektioniert, sondern auch eine Kultur geschaffen, die die anspruchsvollen Franzosen zu begeistern beginnt.