Mag Larry laufen, oder mag er nicht? Das ist die große Frage an diesem Sonntag auf der Galopprennbahn in Hamburg-Horn, wo das Derby stattfinden wird. Es geht dabei um 650.000 Euro. Larry ist ein Pferd, drei Jahre alt. Er hatte bislang erst zwei Rennen, beide hat er überlegen gewonnen, im Spaziergang sozusagen, gegen gute Gegner. Doch Larry ist eigenwillig, er hasst es, sich in die enge Box der Startmaschine zu zwängen – keine gute Charaktereigenschaft für ein Rennpferd. Die meisten Rennen beginnen in dieser Startbox. Larry wurde schon mal vom Start verwiesen, weil er partout nicht reinwollte in die Box. Nicht einmal die Beruhigungsmütze, die ihm über den Kopf gezogen wurde, nützte etwas. Und auch beim letzten Start musste ihm lange zugeredet werden, bis er sich dann doch auf den Weg machte. Und gewann, wie gesagt. Ein tolles Pferd, aber auch ein großer Dickkopf.

Mag Larry laufen, oder mag er nicht – und wird er am Ende die Siegprämie in Höhe von 390.000 Euro kassieren? Das weiß, wenn überhaupt, nur einer: er selbst. Jeder Besucher des Derby-Renntags kann sich die Pferde vor dem Start im sogenannten Führring anschauen, kann Larry in die Augen blicken und versuchen, die Wahrheit zu ergründen. Eine Wette auf ihn sei hier empfohlen, seine Quote würde wohl das Zehnfache des Einsatzes bringen: Wer also zehn Euro auf Sieg setzt, bekommt hundert Euro heraus. Und wenn Larry kurz vor dem Start wegen seiner Zickigkeit ausgeschlossen wird, ist das für den Wetter kein Problem: Er erhält seinen Einsatz zurück.

Pferderennen sind eine Schule des Lebens. Das sollte jeder wissen, der eine Rennbahn betritt – und ganz schnell den Quatsch vergessen, der gern von diesem Milieu erzählt wird. Tierquälerei, Wettschwindel, Halbwelt. Alles Unsinn. Ich darf das sagen, denn ich gehe seit 42 Jahren auf Rennbahnen. Anfangs durfte ich als 13-Jähriger noch nicht wetten, das erledigte mein Vater für mich. Ich erinnere mich an einen Pferdetrainer, der folgende Philosophie hatte: Jedem Pferd ist vorbestimmt, wie viele Rennen es in seinem Leben gewinnen wird. Diese Betrachtungsweise trägt die Formel der Gelassenheit in sich. Keine Eile. Gewinnst du heute nicht, gewinnst du morgen. Deine Zeit wird kommen, ja, und sie wird auch wieder vergehen.

Ist das nicht eine wunderbare Vorstellung in unserer hektischen Zeit? Bleib ganz cool. Auf Larry angewandt bedeutet es: Hat er am Sonntag keine Lust, kommt ein anderer Sonntag. Wobei das nicht ganz stimmt, denn das Derby gibt es nur einmal im Leben eines Rennpferdes, weil hier die Besten der Dreijährigen gegeneinander laufen. Deshalb ist dieser Hamburger Renntag so spannend. Ob Larry das weiß?

Wie erzeuge ich Höchstleistung? Klar, hier ist von Pferden die Rede, aber lassen wir für einen Augenblick den Gedanken zu, dass das eine oder andere auf den Menschen anzuwenden ist. Also, wie geht Höchstleistung? Mit der Peitsche? Lächerlich. Mit einer Ziege? Eher. Es gab ein französisches Trabrennpferd, das hieß Ourasi. Er verriet früh Talent – und mächtigen Eigensinn. So war er nur bereit, in den Transporter zu steigen, wenn seine kleine Lieblingsziege mitreiste. Die Ziege musste jede Nacht in seiner Box schlafen. Wehe, ein gefühlloser Trainer wäre auf die Idee gekommen, Ourasi die Ziege zu verweigern. Am Ende seiner Laufbahn hatte das Pferd mehrere Millionen Euro gewonnen.

Es gibt auf jeder Rennbahn einige Menschen, die sich viele Gedanken machen, wie sie ein Pferd zum schnellen Laufen bringen können. Der Weg dahin ist oft schwierig. Jedes Pferd hat seinen eigenen Charakter. Es gibt Pferde, die denken lieber ans Fressen als ans Laufen. Und es gibt Pferde, die sind zu schlau fürs Rennen. So ein Pferd hatte ich einmal, zusammen mit einer kleinen Besitzergemeinschaft. Als es laufen sollte, warf es kurz vor dem Start den Jockey ab und ging mit seinem Pferdekumpel, der sich ebenfalls des Jockeys entledigt hatte, in aller Ruhe über Stock und Stein und Straße zurück in seinen Stall. Die Botschaft war klar: Ach nö, rennen sollen mal die anderen.