Wladimir Iljitsch Lenin soll einmal gesagt haben: "Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert; und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren." Ironischerweise passt der Satz des russischen Kommunisten wie kein anderer auf die politische Revolution, die britische Konservative lostraten und die nun durch Großbritannien wirbelt wie ein Orkan. In Post-Brexit-Britain aufzuwachen bedeutet, sich jeden Morgen für einen neuen Rücktritt, einen neuen Skandal, eine neue Unglaublichkeit zu wappnen. Und zu wissen: Alles, was gestern sicher schien, kann heute ganz anders sein.

Kaum eine Nachrichtensendung, die nicht mit Worten wie diesen beginnt: "Dies ist die tiefste Krise der Nachkriegszeit." Kein Interview, in dem nicht irgendwann solche Sätze fallen: "Ich denke, dass es so kommen wird, aber ich weiß es nicht. Ich weiß gar nichts." Das, was man in westlichen Demokratien "Innenpolitik" nennt, ist implodiert. Die Konservativen haben sich vertikal gespalten (rechts gegen rechts außen), die Labour-Partei horizontal (Basis gegen Fraktion); die rechtspopulistische, europafeindliche Ukip sucht nach einem neuen Anführer.

Londons politische Landschaft ist plattgemacht, als wäre ein gigantischer Bulldozer darübergefahren. Das heißt aber auch: Jetzt ist alles möglich.

Vor den Augen der Welt wird ein politisches Experiment im Freilandversuch durchgeführt: Was geschieht mit einem Land, das sich von der Wut beherrschen lässt? Was bleibt von den ehrwürdigen Institutionen der ersten repräsentativen Demokratie der Welt? Was machen die Revolutionäre aus ihrem Sieg? Ist das hier ein Vorbild für Europas Populisten in anderen Ländern – oder eine Abschreckung?

Die Revolution frisst ihre Kinder

Der ehemalige amerikanische Außenminister Colin Powell hat nach der Invasion im Irak eine Regel für die internationale Kriegführung aufgestellt: "If you break it, you own it" – "Wenn du es kaputt machst, gehört es dir". Politisch heißt das: Wer eine fremde Regierung stürzt, muss eine andere Regierung installieren und das Land neu aufbauen. Analog dazu hätte es in Großbritannien heißen müssen: "If you brexit, you own it."

17 Millionen Briten haben für "Leave" gestimmt, weil sie dachten, dass sie dafür eine andere Politik bekommen würden. Boris Johnson, Michael Gove und Nigel Farage haben es ihnen schließlich so versprochen: Wir schaffen die Mehrwertsteuer auf Benzin ab, wir führen ein restriktives Einwanderungsrecht nach australischem Vorbild ein, wir geben jede Woche 350 Millionen Pfund mehr für den Krankendienst NHS aus.

Es war alles nicht so gemeint. So wie die Regierung keinen Plan dafür hatte, was sie im Fall einer Niederlage tun würde, so haben auch die Brexisten keinen Schimmer, wie sie mit ihrem Sieg umgehen sollen. Sie haben keine Aufbaustrategie, keine Alternativregierung, keine Lust.

Londons ehemaliger Bürgermeister Boris Johnson, seit Jahren an die Beschreibung "zukünftiger Premier" gewöhnt, wurde kurz vor Verkündung seiner Kandidatur von seinem "Leave"-Mitstreiter Michael Gove überrumpelt und schrumpfte vom Star-Revolutionär zum größten Trottel der Britischen Inseln. Justizminister Gove gilt seitdem als Mann, der zum Frühstück Parteifreunde verspeist: Bevor er Johnson austrickste, hatte er bereits seinen langjährigen Freund David Cameron verraten. So einen wollen die Tories nicht an ihrer Spitze sehen: Am Dienstag, bei der ersten von drei Wahlrunden um den Parteivorsitz, landete er weit abgeschlagen auf dem dritten Platz.

Und Nigel Farage? Mehr als 20 Jahre hat der Ukip-Mann für den Brexit gekämpft, nun gibt es für ihn nicht mehr viel zu gewinnen. Ihm machten die vielen Morddrohungen von radikalen Pro-Europäern zu schaffen, sagte er, außerdem wolle er sich auf seine Familie konzentrieren. Ob er das ernst meint, ist fraglich: Farage behält seinen Sitz als europäischer Abgeordneter in Straßburg, eine erneute (und achte) Kandidatur für das Unterhaus schließt er nicht aus.

Wut ist offenbar eine Kraft, die Protest und Putsch zwar befeuert, alles andere aber in Asche legt. Auch die, die sie entfacht haben.