Der Komponist hatte die Nase voll. Während 1968 die Studentenrevolte Paris aufmischte, ging in der Opéra seine Turangalîla-Sinfonie über die Bühne. Und plötzlich kam ein kunstdilettierender Beamter um die Ecke, mit dem er sich vor Jahren an einem Libretto für das Werk versucht hatte, und zettelte einen Urheberrechtsstreit an. Erfolgreich. Olivier Messiaen zog die Konsequenz: Nie wieder sollte sich ein Tanzschöpfer über Turangalîla hermachen. Dabei blieben nach seinem Tod auch die Erben.

Bis Hamburgs Generalmusikdirektor Kent Nagano, Schützling Messiaens, vorstellig wurde und für John Neumeier die Aufführungsrechte erbat. Erfolgreich. Neumeier zog aus der Vorgeschichte für seine Kreation, die nun zum Auftakt der Ballett-Tage in der Staatsoper debütierte, auch eine Konsequenz: Er verzichtete auf ein Libretto. Stattdessen orientiert sich seine Choreografie an den kaleidoskopisch kreiselnden Schichtungen der Musik wie am Exotismus des Titels.

Turangalîla zieht Begriffe aus dem Sanskrit zusammen, die sich am ehesten mit "Bewegung", "Anmut" und "Liebe" übersetzen lassen. Diese Trias bestimmt die Inszenierung, der Neumeier zusätzlich allerlei religiöse Symbole und biografische Verweise einpflanzt. So wird nicht nur Messiaens religiösen Neigungen in Form von Männerpyramiden, Unterarmkreuzen und fernöstlichen Beinrauten gehuldigt. Auch seine ornithologische Leidenschaft blitzt auf, Tänzerarme verwandeln sich in Adlerschwingen, und Füße zittern im Takt nervösen Vogelgetrippels.

Neumeier hat den Kreislauf des Werks bis in die Kapillargefäße erforscht, aber er ist auch Messiaens Fingerzeigen, etwa in Richtung Tristan und Isolde, gefolgt. Zahlreiche Paare spiegeln das Ideal einer Liebe, die sich erst im Jenseits erfüllt. Zwischen ihnen wandert ein Wachträumer. Einer, der Glück und Leid der Welt erkundet und den Anschein erweckt, ein Wiedergänger Parsifals zu sein, tumber Tor und Erlöser zugleich. Christopher Evans gibt diesen Jüngling, der in die Stille hinein den ersten Schritt auf die weiße, kreisförmige Spielfläche setzt, die den Orchestergraben der Staatsoper verdeckt. Hinter dem Rund nehmen die Musiker Platz in Heinrich Trögers hellem Bühnenkasten.

Die räumliche Nähe macht das Philharmonische Staatsorchester und die Akteure des Hamburg Balletts zu hinreißenden Komplizen. Ausbalanciert werden sie vom Dirigenten Kent Nagano. Der entlockt seinem Klangkörper ein Spektrum von knalliger Verve bis melancholischer Diskretion. Er trumpft mit Passagen im Gershwin-Sound und kitzelt aus Messiaens Partitur selbst die Musicalseligkeit eines Leonard Bernstein heraus, der 1948 die konzertante Uraufführung von Turangalîla leitete.

Wie Bernstein sind auch Nagano und Neumeier Amerikaner mit einem ordentlichen Schuss Showbiz im Blut. Das führt im fünften Bild namens Freude des Sternenbluts zu einer Glitzer-Glitter-Deko-Dramaturgie, für die der Kostümbildner Albert Kriemler in die Hollywood-Schublade greift. Christopher Evans findet sich zwischen Stars und Sternchen wieder, die in Revue-Manier abwechselnd das Dekolleté recken. Derweil übt ein Herren-Trio Radschlag, gefolgt von drei Damen, die klassische Peitschendrehungen zerdehnen wie einen akrobatischen Drahtseilakt. Man kann daran seine Freude haben, man kann darüber den Kopf schütteln. Es ist, wie so manches an diesem Abend, einerseits schlüssig, andererseits reichlich dekorativ.

Trotzdem gelingt es Neumeier und seinen Tänzern immer wieder, durch feine Verschiebungen der Perspektive in die Tiefe von Turangalîla vorzudringen. So geben Carsten Jung und Hélène Bouchet ein Paar, das sich im 1. Liebesgesang routiniert und kultiviert miteinander langweilt. Der Eros und das innere Beben von Turangalîla verdichten sich indes nirgendwo explosiver als im Körper von Aleix Martinez. Er sticht aus der Solistenriege heraus wie eine Naturgewalt: kraftvoll, geschmeidig und unorthodox.

Die schönste Erinnerung an Neumeiers Turangalîla-Aufführung aber: ein Gesicht, das im Dunkeln leuchtet. Es gehört Kent Nagano. Zwischen den Bildern wendet er sich den Tänzern zu, um von ihnen den Einsatz zu empfangen. Wo sonst, wann je treten Tanz und Musik in einen derart sensiblen Dialog? Es ist ein starkes Signal, das Nagano und Neumeier hier aussenden.