Noch zuckt es hier und da, das sind die Nerven, sie wollen weitermachen, aus Gewohnheit, aber es ist zu spät. Die Ironie ist tot, und es gibt gute Gründe, diesen Verlust zu betrauern.

Wir hatten sie mit den Jahren lieb gewonnen, als Art zu sprechen, als mehrfach gebrochenen Blick auf die Welt. Ironie, wörtlich heißt das Verstellung. Man spricht nur scheinbar von den Dingen. Man meint sie und meint sie gleichzeitig nicht und vielleicht aber auch doch. Der Geist vollführt einen Schärfe-Unschärfe-Stunt: Er muss das Eigentliche anvisieren, um dann im uneigentlichen Drumherum den schlaueren, interessanteren Gedanken zu finden.

Ironie, hat David Foster Wallace geschrieben, sei das Lied eines Vogels, der seinen Käfig liebt. Der Vogel singt davon, wie sehr er sein Eingesperrtsein hasst, aber tatsächlich fühlt er sich ganz wohl im beschränkten Raum. Von seiner Singvogelschaukel aus betrachtet er die Welt interessiert, aber unbeteiligt.

Der Obersingvogel der Nation war Harald Schmidt. Er lehrte uns wie kein anderer, wie wichtig es ist, über alles, was politisch und gesellschaftlich passiert, so genau wie möglich im Bilde zu sein. Das Interessanteste, Brisanteste galt es dann in einem nächsten Schritt verbal zur Einheitssoße herunterzukochen: "Bush traf sich mit Schröder, Schröder hat zugesagt: Deutschland unterstützt den Wiederaufbau im Irak, bildet Polizisten aus und richtet dort das Mautsystem ein." Alles letztlich egal, ohne Konsequenz, lächerlich vielleicht sogar. In einem Interview sagte Schmidt damals, in seiner Form der Fernsehunterhaltung dürfe man gerne alles suchen, nur keinen Sinn: "Die besten Sendungen, behaupte ich, sind die, wenn ich rausgehe und sage: Meine Damen und Herren, wozu das alles?"

Das war witzig und für uns, die in den kriegsfernen Zeiten Geborenen, spätestens nach dem Fall der Mauer eine gute Hauptüberschrift für die Betrachtungen der Gegenwart. Das "Ende der Geschichte" hatte Francis Fukuyama die Wende genannt, und man musste nicht Politikwissenschaftler sein, um zu verstehen, wovon er sprach: So ganz genau kam es nicht mehr drauf an, die großen Fragen schienen geklärt. Jetzt gab es noch Arbeitslosigkeit, Länderfinanzausgleich, Pkw-Maut, Dosenpfand. Themen, die unser Leben schlimmstenfalls unangenehm beeinflussen konnten. Viel mehr aber auch nicht. Privat ist das ja das größte Glück, wenn der Ausschnitt der Weltgeschichte, in dem man lebt, historisch nicht sonderlich aufregend ist. Es war eine Zeit, in der man über die Blazerknopfgröße der Kanzlerin und die knallige Sockenfarbe von Bundestagsabgeordneten nicht reden musste, aber konnte. Politik wurde zu einem Teil des öffentlichen Lebens, der unserer Unterhaltung diente.

Trotzdem waren wir nicht ignorant. Das, was gerade an Bedrohlichem in der Welt passierte, diskutierten wir weiterhin, bewerteten es mit Empathie und Vernunft, nur blieb unser Standpunkt dabei per se überheblich. Unsere Gefühle zu Armut, Krieg und Terror waren Mit-Gefühle, Empfindungen in Anführungszeichen, gerichtet auf eine Wirklichkeit, die uns höchstens in der dritten oder vierten Hinsicht, nie unmittelbar betraf. Wir hatten Ferien von der Wirklichkeit.

Bis sie uns einholte. Sie rückte, ganz plump, räumlich näher. In den Städten, die wir am Wochenende mit unseren Familien und Freunden besuchten, detonierten auf einmal Bomben, wurden Maschinengewehre nicht nur auf Menschen, sondern auch auf unsere Idee von Freiheit gerichtet. Zugleich kamen die Flüchtlinge, und selbst die unter uns, die bei Sinnen sind, mussten sich das noch einmal schnell selbst erklären: Richtig, es gibt ja Krieg auf diesem Planeten.

Es war, als würde die Welt, die wir über Jahre in Worten und Bildern verhandelt hatten, mit einem Mal durch die Mattscheiben und Zeitungsseiten in unsere Leben ragen. Das, was vorher Tagesschau gewesen war, saß jetzt in unseren Turnhallen, Einkaufsstraßen und Wohnzimmern.