Es kommt selten vor, dass ein europäischer Regierungschef den Präsidenten der Europäischen Zentralbank ganz öffentlich kritisiert. Der italienische Premierminister Matteo Renzi hat es gerade getan. Er sagte, die aktuellen Probleme der italienischen Banken gingen auf falsche Entscheidungen aus der Zeit zurück, als Mario Draghi noch nicht EZB-Präsident, sondern Generaldirektor des italienischen Finanzministeriums war. Renzi fügte an: "Wenn die Leute nur die Kraft und die Intelligenz gehabt hätten, die Politik aus dem Bankensystem herauszuhalten."

Dass Renzi seine Kritik an Draghi laut ausspricht, zeigt, wie sehr er unter Druck steht. Schon seit Jahren munkeln Banker, Notenbanker, Politiker und Ökonomen, dass die italienischen Banken instabil sind. Wenig geschah. Doch nun steht die EZB kurz vor der Veröffentlichung ihrer neusten Stresstests, die offenbar nicht gut ausgehen für Italien. Jedenfalls hat die Zentralbank dem drittgrößten Geldhaus des Landes, Monte dei Paschi, einen Brief geschickt. Darin stand die Aufforderung, sie solle ihre faulen Kredite um 40 Prozent in drei Jahren abbauen. Geld dafür hat die Bank natürlich nicht. Auch um weitere italienische Institute steht es schlecht. Fast 20 Prozent der Kredite, die sie vergeben haben, sind faul. Die italienischen Banken taumeln.

Das bringt Renzi in Bedrängnis. Doch auch die Deutschen können nicht unbekümmert wegschauen. Denn italienische Banken sind groß und damit potenziell für ganz Europa gefährlich. Außerdem gibt es mittlerweile europäische Regeln darüber, wie man Banken rettet. Und Renzi will eine dieser Regeln nun umgehen, weil sie ihm politisch nicht in den Kram passt.

Die Regel entspringt einer Lehre aus der Finanzkrise. Damals waren nach dem Schock der Lehman-Pleite die Banken fast überall mit Milliarden an Steuergeldern gerettet worden. Bankeigentümer und Banker mussten dabei kaum bluten. So mutierten sie zu einem weltweiten Feindbild: In guten Zeiten die Gewinne einstecken und sich in schlechten Zeiten auf Kosten des Steuerzahlers sanieren, das sei ihr Geschäftsmodell, fluchten die Kritiker.

Die Europäer fanden: So sollte es nie wieder sein. Wer verantwortlich war etwa für Fehlspekulationen, der sollte auch für die Folgen haften. Aus diesem Grund entschied man, künftig die Gläubiger einer Bank zuerst zur Verantwortung zu ziehen, dann erst die Steuerzahler. "Bail-in" nennt man dieses Prinzip. Im kleinen Zypern wurde es schon einmal ausprobiert. Eine offizielle Regel bei der Rettung europäischer Banken ist es seit Anfang des Jahres.

Was gut klingt, wird für Renzi nun zum Problem. Viele Italiener besitzen Bankanleihen und sind somit Gläubiger der Banken. Sollte man also den Bail-in bei einer so großen Bank wie Monte dei Paschi probieren, dann würden viele Menschen Geld verlieren. Renzi sorgt sich, dass das Volk sich gegen ihn kehrt, wenn er das zulässt. Insbesondere angesichts eines Verfassungsreferendums im Oktober, das er mit seinem eigenen politischen Schicksal verknüpft hat, will er die italienischen Kleinsparer keinesfalls belasten. Schon hat er einen Plan ohne Bail-in vorgeschlagen.

Doch die Europäer sollten sich darauf nicht einlassen – aus zwei Gründen. Erstens ergibt die Regel schlicht Sinn: Gläubiger sollten zumindest eine Teilverantwortung für das Handeln ihrer Bank übernehmen. Anders kann man nicht erreichen, dass Banken künftig besser aufpassen, welche Risiken sie eingehen. Und wenn die Banken nicht aufpassen, wird es richtig teuer. Zweitens ist es gerade angesichts der aktuellen Schwierigkeiten in Europa eine schlechte Idee, europäische Regeln im ersten größeren Anwendungsfall zu schleifen. Das Unbehagen gegenüber der EU beruht auch darauf, dass viele Bürger glauben, in Brüssel mache eine Elite auf undurchschaubaren Wegen am Ende nur das, was ihr gerade in den Kram passe. Sich selbst Regeln zu geben, an die man sich am Ende nicht hält – das würde die EU-Gegner nur noch mehr davon überzeugen, dass man dieser Gemeinschaft und ihren Anführern nicht trauen kann.