Insekten sind die häufigsten Tiere auf unserem Planeten, 90 Prozent aller bekannten Arten werden ihnen zugerechnet. Da ist es eigentlich wenig verwunderlich, dass gerade besonders viele Kinder- und Jugendbücher von Krabblern, Hüpfern und Brummern bevölkert werden – ob in Gestalt sprechender Reittiere (Der Hummelreiter, Beltz & Gelberg) oder als stechende Killer (Stormglass – Angriff der Killerbienen, Aladin Verlag). Und gleich zwei aktuelle Bücher beweisen, dass sich Insekten erstaunlich gut dazu eignen, Ängste und Konflikte zu veranschaulichen, mit denen Kinder zu kämpfen haben: Das Nest von Kenneth Oppel und Krasshüpfer von Simon van der Geest handeln von Jungen, deren Familien von einem schweren Schicksalsschlag getroffen wurden.

Hidde, der elfjährige Held in Krasshüpfer, zieht sich nach dem Tod seines ältesten Bruders in den Keller zurück wie in einen Kokon. Dort züchtet er in Glasbehältern alle möglichen Krabbeltiere. Mit ihnen unterhält er sich lieber als mit seinen Mitschülern, für die er nur der "Spinnerling" ist. Im Keller entgeht Hidde auch dem Schweigen seiner Mutter und dem Jähzorn seines anderen Bruders Jeppe. Hätte Hidde doch nur die Boxerarme seiner Gottesanbeterin Jackie Chan oder den Kiefer seines Hirschkäfers Bambi, dann würde Jeppe ihn bestimmt in Ruhe lassen.

Kenneth Oppels Protagonist Steven dagegen kann mit Insekten eigentlich gar nichts anfangen, im Gegenteil, besonders Wespen hasst er. Wieso müssen sich die Viecher ausgerechnet am Dach seines Hauses einnisten? Doch dann erscheint Steven im Traum die Wespenkönigin und macht ihm ein verführerisches Angebot: Ihr Volk könne das Baby, auf dessen rätselhafte Krankheit Stevens Eltern fast all ihre Kraft und Aufmerksamkeit verwenden, durch ein gesundes ersetzen. Wespen sind schließlich darauf spezialisiert, perfekte Kopien ihrer selbst wie am Fließband zu produzieren. Das neue Baby, so verspricht es die Königin, würde sich von dem alten durch nichts unterscheiden – nur dass es eben kein Mängelexemplar wäre.

Das Insektenmotiv erfüllt in den beiden Büchern ganz unterschiedliche Zwecke. In Krasshüpfer sind die Tiere positive Metaphern für Hiddes Entwicklung. Als ihm sein Bruder Jeppe auf brutale Weise den Keller streitig machen will, ist Hidde gezwungen, den Kokon abzustreifen, in den er sich verpuppt hat, und seine Insekten freizulassen. Die Wespen in Das Nest hingegen konfrontieren Steven mit dem Bösen in ihm, mit seinem unterdrückten Wunsch, in einer normalen Familie zu leben, selbst wenn er dafür seinen kranken Bruder opfern muss. Das klingt düster und ist es auch, aber auf ihre eigene Weise machen beide Bücher klar, wie gut es ist, sich seinen Ängsten und dunklen Gedanken zu stellen.

Simon van der Geest: Krasshüpfer. Deutsch von Mirjam Pressler; Thienemann 2016; 240 S., 12,99 €

K. Oppel: Das Nest. Ill. v. Jon Klassen, Deutsch v. J. Komina u. S. Knuffinke; Dressler 2016; 215 S., 12,99 €

(ab 10 Jahren)