In der Flüchtlingspolitik stimmen Katja Kipping und Heiner Koch in vielem überein – bei der Frage, ob Frauen die Priesterweihe bekommen sollen, weniger.

Frage: Und mit welcher Stelle aus der Bibel begründen Sie, dass Deutschland das bedingungslose Grundeinkommen braucht?

Kipping: Ich persönlich halte mich da eher an Karl Marx.

Koch: Den kann man auch so oder so lesen.

Kipping: Sehen Sie, da gibt es eine Parallele: Wir beide berufen uns auf historische Texte, die der Auslegung für die Gegenwart bedürfen.

Koch: Das stimmt aber nur halb: Für uns Christen ist das nicht irgendein historischer Text. Für uns ist die Bibel das Wort Gottes.

Frage: Haben Sie sich denn noch nie auf die Bibel berufen, Frau Kipping?

Kipping: Nicht berufen, aber in einem meiner Bücher habe ich aus der Bibel zitiert, aus der Bergpredigt: "Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen; und euer himmlischer Vater nährt sie doch."

Frage: Und hat der himmlische Vater für Sie da aus dem Text gesprochen?

Kipping: Nein. Obwohl mich der Gedanke schon begeistert hat: Der Mensch als Abbild Gottes hat ein Grundrecht auf Existenz. Ganz gleich, wer er ist, was er besitzt und welchen Beruf er hat. Das ist ein durchaus sozialistischer Gedanke.

Frage: Das klingt ja, als sei der Sozialismus selbst eine Kirche.

Kipping: (lacht) Höchstens eine kirchenähnliche Vereinigung.

Frage: Als kirchenähnliche Vereinigung ist Ihre Partei, Frau Kipping, bisweilen aber ziemlich kirchenfeindlich. So fordern die sächsischen Linken die totale Trennung von Staat und Religion. Dies muss Sie doch stören, seitdem Sie so dicke mit dem Erzbischof sind.

Kipping: Das war ein Antrag der sächsischen Linken für unseren Parteitag, an dem ich nicht beteiligt war. Wir haben als Parteivorstand empfohlen, das Thema erst einmal in einer Kommission zu beraten.

Frage: Und wenn ich nicht mehr weiterweiß, gründe ich einen Arbeitskreis …?

Kipping: Immer noch besser als ein Schnellschuss, oder?

Frage: Und wie finden Sie das, Herr Erzbischof, wenn Ihre Linken in Dresden die radikale Trennung von der Religion wollen?

Koch: Zuerst einmal, das sind nicht "meine" Linken. Sie waren es auch nie. Es sind die sächsischen Linken. Aber um Ihre Frage zu beantworten: Ich habe denen einen Brief geschrieben und dargelegt, dass ich ein anderes Staatsverständnis habe als sie. Für mich ist es Aufgabe des Staates, dass er das Leben in jeder Form fördert und schützt – auch das religiöse Leben.

Frage: Dann sind Sie nicht verletzt, wenn die sächsischen Linken in ihrem Antrag das Wort "Priester" konsequent durch "religiöse Spezialisten" ersetzen?

Koch: Verletzt nicht, eher verwundert, weil es zeigt, dass hier die religiösen Begriffe nicht mehr verstanden werden.

Frage: Frau Kipping, Unverständnis für den anderen ist das erste Anzeichen für Entfremdung. Wo gibt es sonst noch Streit?

Kipping: Natürlich finde ich es als Feministin schlicht unverständlich, dass in der katholischen Kirche alle Führungspositionen Frauen vorenthalten werden. Wir haben als Partei gute Erfahrungen mit quotierten Doppelspitzen gemacht, auch die Kirche könnte davon profitieren.

Koch: Es stimmt nicht, dass wir keine Frauen in Führungspositionen haben wollen. Von meinen vier Dezernatsleitern im Bistum sind zwei Frauen, zusammen mit der Caritas-Direktorin sind die Frauen in der Mehrheit.

Kipping: Und – um mal eine rhetorische Frage zu stellen – wie viele Priesterinnen gibt es in Ihrem Bistum?

Koch: Natürlich keine. Das hat aber für uns theologische Gründe. Eine Über- oder Unterordnung eines Geschlechts durch die Weihe ist damit nicht verbunden.

Kipping: Die feministische Theologie argumentiert jedoch, dass diese Interpretation des Priestertums auf einer patriarchalen Interpretation von Texten fußt. Davon abgesehen: Wir schreiben heute auch nicht mehr auf Papyrusrollen, sondern nutzen Smartphones. Technischen Fortschritt nutzen Sie als Kirche ja auch, warum nicht auch gesellschaftlichen?

Koch:Die Linke sollte anerkennen, dass sich die Kirche zwar als Teil der Gesellschaft versteht, aber nicht jede Forderung der Gesellschaft erfüllen muss. Für uns ist das Weiheamt ein essenzieller Ausdruck der Botschaft Gottes und dadurch gerecht.

Frage: Wie würden Sie Gerechtigkeit in einem Satz definieren?

Koch: Als die Haltung, Gott, den Menschen und sich selbst gerecht zu werden, also: jedem das zukommen zu lassen, was ihm zusteht.

Frage: Und Sie, Frau Kipping?

Kipping: Als Teilhabe aller an der Gesellschaft frei von Existenzangst, unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Einkommen. Kurzum, soziale Garantien für alle.

Frage: Braucht Gerechtigkeit Gott?

Kipping: Nein, aber der Glaube an Gott mag manchem helfen, für eine gerechte Sache zu streiten. In unserer Partei gibt es gläubige Christen, aber auch Atheisten und überzeugte Laizisten. Man könnte meinen, es trennen sie Welten. Beide Gruppen jedoch lehnen, um ein Beispiel zu nennen, aus ihrer ganz persönlichen Haltung heraus eine Obergrenze für Flüchtlinge ab. Ich kenne Politiker mit C im Parteinamen, die das anders sehen. Herr Seehofer würde am liebsten einen Zaun in den Alpen hochziehen, vor dem dann die Flüchtlinge verrecken. Bei Frau Merkel steht der Zaun nur etwas südlicher in der Türkei.

Frage: Ihr Parteifreund Oskar Lafontaine ist auch für die Obergrenze. Sahra Wagenknecht ebenso.

Kipping: Wir haben einen einstimmigen Beschluss in Parteivorstand und Fraktion, wonach das Grundrecht auf Asyl ungebrochen gilt, dem auch Sahra und ich zugestimmt haben.

Frage: Finden Sie als Christ eine Obergrenze für Flüchtlinge gerecht, Herr Koch?

Koch: Jeder, der bedroht ist an Leib und Leben, hat ein Recht auf Asyl. Allerdings muss eine Gesellschaft ihre Grenzen kennen. Sie muss sagen können: Wir schaffen nicht alles.

Frage: Sind Sie nun für die Obergrenze oder nicht?

Koch: Man muss die Dinge differenziert sehen: Wer an Leib und Leben bedroht wird, hat natürlich ein Recht auf Asyl. Wer beispielsweise aus Marokko oder Tunesien und einzig der Arbeit wegen nach Deutschland kommt, nicht.

Frage: Not ist Not, könnte man einwenden. Selbst Papst Franziskus sagt: "Diese Wirtschaft tötet." Der Satz wäre wohl selbst Frau Kipping zu radikal.

Kipping: Och …

Koch: Viele Bischöfe aus Afrika erzählen mir immer wieder, was für eine Katastrophe es bedeutet, wenn bei ihnen die Jungen und gut Ausgebildeten das Land verlassen. Damit destabilisieren wir diese Länder, auch wenn man die Motive des Einzelnen, der kommt, verstehen kann.

Frage: Kann es eine absolute Gerechtigkeit auf Erden überhaupt geben?

Koch: Nein. Die gibt es nur bei Gott.

Kipping: Nein, solange der Welthandel und die Weltwirtschaft kapitalistisch und so gestaltet sind, dass der Norden den Süden ausbeutet.