In seinem Dienstsitz am Berliner Hausvogteiplatz wartet der Erzbischof von Berlin auf die Vorsitzende der Linkspartei, um ihr ein Brillentuch zu überreichen. Das Wort "Barmherzigkeit" ist auf das Tuch gestickt. Heiner Koch hat es in einem alles andere als christlichen Laden auf der Friedrichstraße gefunden. Jetzt will er Katja Kipping damit eine Freude machen. Da steht Kipping auch schon in der Tür. Der Erzbischof von Berlin eilt ihr entgegen. Sie kennen sich. Sie umarmen sich. Dann gibt er ihr das Tuch: Damit sie immer den Durchblick behalte, sagt er. Die Vorsitzende der Linkspartei ist gerührt. Im Fanartikel-Shop ihrer Partei, erwidert sie, gebe es so etwas Edles nicht. Da bekommt man nur schnöde Brillenputztücher ohne Frohe Botschaft.

Frage: Herr Erzbischof, Sie und Katja Kipping mögen sich. Wie lange geht das schon so zwischen Ihnen beiden?

Katja Kipping: Vorsicht, Herr Erzbischof, diese Frage führt auf Glatteis.

Heiner Koch: Wir kennen uns seit etwa einem Jahr. Es hat angefangen in Dresden.

Kipping: Die sächsische Landtagsfraktion hat Sie eingeladen, oder?

Koch: Ja, damals war ich noch Bischof in Dresden. Die Offenheit, mit der Sie und Ihre Partei mir damals begegnet sind, hat mich überrascht.

Frage: Sie geraten ins Schwärmen.

Koch: Also "schwärmen" ist ein zu starkes Wort.

Kipping: Sie müssen das Lob der sächsischen Linken jetzt nicht zurücknehmen.

Koch: Was uns damals wie heute bei allen Differenzen verbindet, ist die Sorge über den wachsenden Rassismus in Deutschland. Wir waren uns einig: Er ist mehr als ein ostdeutsches Phänomen.

Kipping: Richtig. Dahinter stehen die realen Existenz- und Abstiegsängste einer verunsicherten Mittelschicht. Diese Ängste muss die Politik ernst nehmen.

Koch: Nicht nur die. Das ist auch eine seelsorgerische Herausforderung, an der alle gesellschaftlichen Institutionen mitarbeiten müssen. Wir brauchen eine Koalition der Mitmenschlichkeit.

Frage: Aber ist da nicht zwischen Ihnen, einem Erzbischof und einer gläubigen Sozialistin, etwas zusammengewachsen, was eigentlich nicht zusammengehört – viele Katholiken denken doch, das Weihwasserbecken beginne zu brodeln, wenn eine Sozialistin die Kirche betritt.

Kipping: Diese Katholiken kenne ich persönlich nicht. Ich kenne aber viele, die sich aus ähnlichen Motiven in der Flüchtlingssolidarität engagieren. Ob ich nun aus christlicher Nächstenliebe oder einem humanistischen Verständnis von Menschenwürde heraus aktiv werde, ist für den, dem geholfen wird, zweitrangig.

Frage: Warum helfen Sie? Weil Marx es Ihnen befiehlt? Oder doch am Ende Gott?

Kipping: Ich bin politisch aktiv, weil ich daran glaube, dass die Welt, die wir unseren Kindern hinterlassen, Ergebnis unseres Handelns ist. Ich glaube an Mitmenschlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit. Von der Sonnenenergie abgesehen ist der Himmel für mich leer.

Frage: Sind die Kirchen und die Linken die letzten gesellschaftlichen Akteure, die heute noch von einer gerechteren Welt träumen?

Koch: Träumen reicht nicht. Wir, die wir ein kirchliches Amt innehaben, mischen uns aus innerer Verpflichtung ein, wenn grundlegende Werte bedroht sind, Menschenwürde und Menschenrechte etwa. Aus anderen realpolitischen Debatten halten wir uns heraus oder sollten es. Ob nun beispielsweise beim Thema "bedingungsloses Grundeinkommen" die eine politische Position gerechter ist als die andere, ist keine Frage, die die Kirche entscheiden muss. Diese Debatte überlassen wir den Parteien und den Bürgerinnen und Bürgern.

Kipping: Aber sie kann Sie interessieren: Ich kenne Theologen, die mit der Bibel für das Grundeinkommen argumentieren.