Lieber Loriot,

ich habe mir jahrelang gewünscht, einmal mit Ihnen essen zu gehen. Dafür hätte ich sogar eine Pökelzunge in Burgunder oder eine Kalbshaxe Florida in Kauf genommen. Dazu ist es aber leider nie gekommen, was mich immer noch umtreibt, weil ich Ihnen doch so viel sagen wollte. Ein kleiner Trost ist dieser Liebesbrief, der Ihnen auf irgendwelchen Umwegen zugespielt wird, da bin ich mir sicher.

Sie haben mein Leben leichter gemacht. Sie haben mir beigebracht, jede noch so alltägliche Situation, jede noch so langweilige Szene zu verzaubern. Ihre Sätze habe ich ständig im Kopf. Ob Weihnachten im Kreis der Familie ("Hier ist dein Geschenk, und nun sei ein bisschen gemütlich"), in vollen Restaurants ("Sie haben mir ins Essen gequatscht!"), im Bekleidungsgeschäft ("Müssen die Hosen so sein?") oder im Möbelhaus ("Die Federmuffen sind einzeln aufgehängt und kreuzweise verspannt ... also hüftfreundlich in der Seit- und Bauchlage"), in den meisten Situationen stehen Sie neben mir. Ich werde nie ein hart gekochtes Ei essen können, ohne zu denken: "Eine Hausfrau hat das im Gefühl", nie an einer Theaterkasse stehen, ohne die Versuchung niederkämpfen zu müssen, den Satz "Ich hätte gern ... erste Reihe Mitte ... vier Plätze ... drei Erwachsene und ein Riesenschnauzer" zu sagen, ich kann nicht im Theater sitzen, ohne wenigstens ein Mal "Brat fettlos mit Salamo ohne" zu flüstern. Bei Weinproben warte ich auf Schnittchen mit Ei und Wurst, in englischen Filmen auf Lady Hesketh-Fortescue. Ich beobachte die Menschen um mich herum Ihretwegen anders, Sie haben mir diesen Blick und die Komik gezeigt. Wie Herr Lohse aus Pappa ante Portas sagen würde: "Komisch, für so was hab ich ’n Gedächtnis."

Zurück zum Anfang: Das alles hätte ich Ihnen so gern bei einem Gläschen Mosel gesagt. Dafür ist es leider zu spät. Aber ein kleiner Trost war dieser Liebesbrief tatsächlich. Und ein Autogramm von Ihnen. Das hat mir mein Bruder zum 50. Geburtstag geschenkt. Drei Monate nach Ihrem Tod. Er hat es bei eBay ersteigert. Ich frage mich, welcher Trottel sich davon getrennt hat. Er wird nicht bei Verstand gewesen sein. Wie auch immer, lieber Loriot, die Autogrammkarte mit Ihrem Abbild steht bei mir auf dem Kaminsims, aufs Feinste gerahmt, ich nicke Ihnen jeden Tag zu. Und die Sätze sind im Kopf. Für immer.

In großer Verehrung, immer noch traurig, aber jetzt etwas getröstet, winkt dankbar in den Himmel

Ihre Dora Heldt

Dora Heldt, 54, ist Schriftstellerin. Zuletzt erschien von ihr der Krimi "Böse Leute"