Wir können die Zahlen ignorieren wie die Schockbilder auf der Zigarettenpackung. Wir können darüber lachen – es sind ja nur Zahlen. Trotzdem ist es eine Kränkung: Wir Männer sterben um Jahre früher als die Frauen. Zum Glück ist ein Ende der schreienden Ungerechtigkeit in Sicht. Denn wir holen auf. 1980 konnten sich die Frauen noch über eine Lebenserwartung freuen, die 6,7 Jahre über der unseren lag. Heute ist die Differenz laut Statistischem Bundesamt auf müde 5 Jahre zusammengeschmolzen. Frauen dümpeln bei 83,1 Jahren herum. Der Junge, der heute geboren wird, darf mit knackigen 78,2 Jahren rechnen. Stammt er gar aus Baden-Württemberg, wird er im Schnitt 79 Jahre und 4 Monate alt. Tendenz, wo man hinschaut: steigend.

Die Lebenserwartungsschere schließt sich also langsam, aber sicher. Warum? Wegen des Neuen Mannes. Der lebt nämlich gesund. Er ist athletisch, fit, muskulös und Inhaber eines Waschbrettbauchs. Oft läuft er Marathon. Man findet ihn zum Beispiel auf dem seit einigen Jahren stattfindenden Männerkongress in Düsseldorf oder auf Veranstaltungen wie "MännerLeben", wo er Vorträge zum Thema "PSA-Test – Fluch oder Segen?" oder über die "Männersache Yoga" hört. Und: Er spricht über seinen Penis! "Die jüngere Generation von Männern weiß mittlerweile, dass der Penis ein wichtiger Indikator für die generelle Männergesundheit ist", sagt der Hamburger Männerarzt (Androloge) Frank Sommer. Erektionsstörungen können tatsächlich ein Frühwarnzeichen dafür sein, dass ein Herzinfarkt droht. Weil die Blutgefäße im Penis deutlich enger sind als die großen Herzkranzgefäße, machen sich Gefäßwandverkalkungen mitunter zuerst in Durchblutungsstörungen des Penis bemerkbar.

Allerdings ist es ein mühevoller Weg vom Couch-Potato zum Neuen Mann. Uns begleiten nicht nur Ärzte und Fitnesstrainer, sondern auch Bataillone von Pillen- und Pulverhändlern, die uns mit Muskelaufbaustoffen und Vitalitätsoptimierern versorgen wollen. Um der Herausforderung Frau standzuhalten, werden Potenzmittel, Mikronährstoffe für die Spermaqualität und Zinktabletten für die Aufrechterhaltung des Testosteronspiegels angepriesen. Da wird so mancher Neue Mann ganz schwach.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Dabei galt doch noch vor nicht allzu langer Zeit: Echte Kerle reden nicht über Weicheier-Themen wie Gesundheit oder Sexualität. Angeblich sind Männer schon evolutionär der Sorglosigkeit verpflichtet. Wer denkt etwa über Kratzer, Wunden oder fehlende Gliedmaßen nach, wenn der Säbelzahntiger kommt? Wer kontrolliert seinen Blutdruck, wenn es um das eigene standing geht?

Kein Wunder, dass mehr als 80 Prozent sich für gesund oder sehr gesund halten, wie Frank Sommer bei einer Befragung von 1.500 Männern ermittelte. Mann weiß schließlich, dass Symptome auch herbeigeredet werden können. Dass Bandscheibenvorfall oder Herzschmerzen von selbst verschwinden, wenn man sie nur nicht beachtet. Also gehen wir lieber gar nicht zum Doktor. Oder nur, wenn’s was Ernstes ist. Finger ab. Raucherbein. Motorradunfall. Pumpe.

Man kann dafür auch historische Gründe anführen. Bietet doch die Medizingeschichte kaum ein schrecklicheres Thema als die Männergesundheit im engeren Sinne – also alles, was mit Erkrankungen des männlichen Urogenitalraums zu tun hat. Diese waren bis in die jüngste Zeit mit einem Tabu belegt. Man denke an die Prostata. Selbst Gebildete wissen oft weder, was und wo die Prostata ist, noch, wozu sie dient. Und kaum ein Mann wagt unter Kollegen zu verbreiten, dass er beim Urologen oder gar beim Andrologen war. In der Geschichte führten die tabuisierten Probleme mit der Prostata zu allerhand blutigen, schmerzhaften und mörderischen Therapien, wovon etwa Jürgen Thorwald in seinem Buch Der geplagte Mann berichtet. Darin zitiert er einen Wiener Chirurgen, der 1929 als Betroffener die Prostata als Geißel Gottes bezeichnete – zur Bestrafung des Mannes für Unzucht und schmutzige Gedanken.