Man werde mit einer Dreierkette spielen. Das Wort ist heraus – Drei-er-ket-te! Etwas Schlimmeres gibt es nicht. Nicht bei einem Spiel der Deutschen gegen Italien – jedenfalls nach Ansicht von Mehmet Scholl. Mit einer defensiven Taktik seien die Deutschen schon bei der EM vor vier Jahren gegen Italien eingegangen. Und jetzt wollen sie es offenbar wieder tun. Die Defensive zulasten der Offensive stärken.

Als ihn Ende vergangener Woche die alarmierende Nachricht aus dem Kreis der Nationalmannschaft erreicht, kocht bei Mehmet Scholl der Zorn hoch. Scholl, so berichten Ohrenzeugen, rutscht der Satz heraus, er werde diese hasenfüßige Taktik des Bundestrainers am Abend im Ersten zur Sprache bringen. Mit einer Dreierkette, so der Experte, "fahre das Ding gegen die Wand".

Zwanzig Stunden später ist Italien aus dem EM-Turnier ausgeschieden, das Ding fuhr nicht gegen die Wand, aber es war ziemlich knapp. Mehmet Scholl will sich nicht beruhigen. Während sich 28 Millionen Zuschauer an diesem Samstagabend nach dem Sieg im Elfmeterschießen glücklich zur Nachtruhe begeben, knöttert Scholl in der ARD über den Unsinn dieser Dreierkette. Worum um Himmels willen fühlt sich Scholl betrogen? Was reitet ihn? Keiner weiß es. Weiß es Scholl? Es habe an einem einzigen verschossenen Elfmeter gelegen, ohne den wäre alles anders gekommen.

Beim DFB empört sich Teammanager Oliver Bierhoff via DFB-TV im Internet über die Kritik. Und der gescholtene Experte fragt sich, ob es sich wirklich lohne, wieder und wieder den Kopf herauszustrecken. Jetzt hielten alle anderen, die genauso dächten wie er, leider feige die Klappe.

Einer aber muss den Kopf hinhalten. Der Zorn braucht ein Gesicht, in das man gerne schaut. Was der 45-Jährige ins Mikrofon spricht, klingt eigentlich immer plausibel. "Nur funktionierende Gebilde gewinnen Titel", hat er einmal gesagt, übersetzt heißt das: Der Bundestrainer muss eine Mannschaft finden, die er vom Viertelfinale an einfach laufen lassen kann. Vielleicht 14 Spieler, die optimal zueinanderpassen. Und diese Mannschaft, das ist Scholls Credo, ändert man nicht mehr. Joachim Löw muss verletzte und gesperrte Kräfte ersetzen, Mario Gómez beispielsweise, Sami Khedira, Mats Hummels. Mehr aber darf nicht sein. Die Konkurrenz, Italien, Frankreich, Portugal oder Wales, hat sich nach uns zu richten, nicht wir uns nach ihnen.

Manchmal scheint Scholl selber nicht zu wissen, was ihn treibt, was da in ihm kocht. Wie ein verlorener Partygast lehnt er dieser Tage im ARD-Studio an einem Bistrotisch, der ein wenig an eine hochformatige Toilettenschüssel erinnert. Das Gespräch mit Moderator Matthias Opdenhövel plätschert vor sich hin, dann bricht es plötzlich aus ihm heraus.

Mario Gómez, zum Beispiel! Was hat sich Scholl in der Vergangenheit über den schon aufgeregt. Etwa beim EM-Spiel gegen Portugal 2012. Diese pomadige Spielweise. "Ich hatte zwischendurch Angst, dass er sich wund gelegen hat, dass man ihn wenden muss." Für den Satz hat er sich später bei Gómez entschuldigt. In der Sache ist Scholl meist im Recht, beim Ton liegt er manchmal daneben.