Und dann platzt Dominic King der Kragen. Als er aufspringt und der Ärger aus ihm herausbricht, wird es still auf der Musikmarktmesse Midem. "Wir sind es leid, dass wir alle Songs für die ganze Welt ins Netz stellen und dafür nichts bekommen", schimpft King in der hintersten Reihe des Publikums so laut, dass es auch vorne auf dem Podium jeder versteht. "YouTube ist eine Schande!"

King ist ein Songwriter aus Großbritannien, er hat schon für Cher und Madonna gearbeitet, seine Songs wurden millionenfach verkauft – auch auf YouTube sind sie zu hören. Die Künstler aber finden, dass sie dafür von der Videoplattform zu wenig Geld bekommen. Wie groß der Ärger darüber ist, sieht und hört man vor allem auf der Midem in Cannes, wo sich die Großen der Musikindustrie seit 50 Jahren treffen.

Bloß das Unternehmen, gegen das sich all der Ärger richtet, fehlt: YouTube nämlich. Wenn Label-Manager auf einem Panel zu einer "Revolution von unten" gegen YouTube aufrufen oder ein Musiker-Anwalt behauptet, einer seiner Klienten habe von der Plattform nur 13 Dollar bekommen, obwohl einer seiner Songs rund 900.000-mal abgespielt wurde, ist niemand da, der widerspricht. YouTubes Mutterkonzern, das kalifornische Internetunternehmen Google, hat es offenbar nicht mehr nötig, auf jede Kritik zu antworten – im Kräftemessen mit der Musikindustrie liegt YouTube bisher deutlich vorne.

Doch die Kreativen wollen den Kampf um Geld und Macht partout nicht verloren geben. Jede Woche unternehmen sie einen neuen Versuch, YouTube anzugreifen. Nikki Sixx von der Rockband Mötley Crüe beschwerte sich im Namen einer Vielzahl von Musikern bei Larry Page, dem Chef von Google. "In einer Welt, die von YouTube dominiert wird, ist es unmöglich für Künstler, ihre Kunst zu betreiben", schrieb Sixx in einem offenen Brief, der im Netz hundertfach zitiert wurde.

Mitte Juni schalteten sich 180 Bands und Stars wie Taylor Swift ein und griffen in Magazinanzeigen und Briefen den Digital Millennium Copyright Act an. Das Gesetz nimmt YouTube aus der Verantwortung, wenn seine Nutzer mit ihren Uploads fremde Urheberrechte verletzen. Und dann, vergangene Woche, schrieben mehr als 1.000 Künstler aus ganz Europa einen Brief an den EU-Kommissionspräsidenten Jean-Claude Juncker. Darin beklagen sie sich, dass YouTube und ähnliche Plattformen die Musik mit ihrem Gratis-Angebot auf unfaire Weise entwerteten. Zu den Unterzeichnern gehören populäre Bands wie Coldplay und Sänger wie Udo Lindenberg und Helene Fischer.

Eine solche Protestwelle hat die Musikindustrie noch nicht erlebt, obwohl sie in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine Krise nach der anderen durchgemacht und sich noch lange nicht erholt hat. Die Digitalisierung hat die Branche durchgeschüttelt, sie hat manche Künstler ruiniert und Plattenfirmen entmachtet, bewährte Geschäftsmodelle zerstört und neue Unternehmen reich gemacht.

Als in den 1990er Jahren Musik-CDs populär wurden, kopierten die Hörer ihre Songs millionenfach illegal, das war der erste Schlag. Der zweite folgte, als schnelle Internetanschlüsse Standard wurden und die Fans anfingen, Songs über Webseiten wie Napster einfach herunterzuladen. Zur Jahrtausendwende brachen deswegen die Erlöse ein, und es dauerte mehrere Jahre, bis eine neue Geldquelle gefunden war. Erst als Konzerne wie Apple anfingen, einzelne Songs und ganze Alben zum Kauf per Download anzubieten, wuchsen die Einnahmen der Branche wieder.

Seit etwa drei Jahren wird das sogenannte Streaming populärer: Über Plattformen wie Spotify und Deezer lässt sich Musik unbegrenzt auf Notebooks, Smartphones oder Tablet-PCs anhören – entweder regelmäßig unterbrochen von Werbung oder werbefrei gegen eine pauschale Gebühr von zehn Euro im Monat. Die Superstars Adele oder Coldplay verweigerten den Streaming-Plattformen zeitweise ihre neusten Songs, weil sie fanden, dass die ihnen nicht genug Geld zahlten.

Die Branche hat sich erst einmal auf YouTube eingeschossen und, das ist neu, bildet dabei eine geschlossene Angriffskette: "Die Künstler waren lange zu leise, und die Musikbranche war zu zerstritten", sagt Karel Bartak, der bei der EU-Kommission für die Kulturförderung zuständig ist, "jetzt kämpfen sie gemeinsam."

Ihr Aufbegehren findet Unterstützung bei den Großen der Branche, zum Beispiel bei Hartwig Masuch. Er ist der Chef von BMG, einer Tochter des Medienkonzerns Bertelsmann, die Musikrechte von Künstlern wie den Rolling Stones vermarktet. BMG ist erfolgreich – gerade konnte man Roger Waters, Sänger, Komponist und Texter von Pink Floyd, unter Vertrag nehmen – und für Hartwig Masuch hat dieser Erfolg eine einfache Formel: Transparenz und höhere Erlösbeteiligungen als die Konkurrenz. Dementsprechend verärgert ist Masuch über YouTube: Musik sei Teil des Kerngeschäfts des Portals, das aber die Künstler nicht angemessen an den Einnahmen daraus beteilige. "Google sieht sich oft als positive Kraft", sagt Masuch, "der Anspruch, die Welt zu verbessern, liegt aber im Widerspruch mit den Aussagen vieler Künstler, die sich von der Firma benachteiligt fühlen."