* 22. 6. 1940 - † 4. 7. 2016

Selten konnte man einen Kinosaal so ergriffen erleben wie am Ende von Abbas Kiarostamis Film Der Wind wird uns tragen: Ein Mann wirft einen menschlichen Knochen in einen Bach, und die Kamera zeigt, wie er ein Stück des Weges schwimmt. Es war 1998, und der Film des iranischen Regisseurs lief im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig.

Während der gesamten Vorführung hatte der Film im Publikum solche Momente der Stille hervorgerufen, aber auch der Heiterkeit: In einem abgelegenen Dorf in den iranischen Bergen wartet ein Fernsehjournalist auf das Ableben einer alten Frau, weil er eine seltene Trauerzeremonie filmen will. Die Sterbende bleibt die ganze Zeit unsichtbar hinter einem kleinen Fenster, doch ihr Zustand produziert komischerweise immer neue Zeichen des Lebens: kommende und gehende Verwandte, ein im Hof wachender, selbst schon ziemlich alter Sohn, Nachbarn, die Suppe bringen.

Sein klingelndes Handy führt den Journalisten immer wieder auf einen Hügel, wo der Empfang besser ist. Zufällig liegt hier oben auch der Friedhof des Dorfes. Während er telefoniert, läuft der Fremde über Grabstätten, steckt geistesabwesend den Knochen ein. Erst ganz am Ende wird er ihn in seiner Tasche finden und vorsichtig dem Wasser übergeben. Bewegend ist die einfache Geste, die hier zum Beerdigungsritual wird. Bewegend ist die Vergänglichkeit, von der die Szene erzählt und über die sie uns zugleich zu trösten vermag.

Abbas Kiarostami wurde 1940 in Teheran geboren, studierte Malerei und leitete die Filmabteilung am weltberühmten, 1969 gegründeten Institut zur geistigen Förderung von Kindern und Jugendlichen. Hier entwickelte er seine zugleich elementare und universelle, auf dialektischen Bewegungen beruhende Filmsprache, die so unterschiedliche Filmemacher wie Akira Kurosawa, Jean-Luc Godard und Martin Scorsese bewunderten.

Alle seine Filme bestehen aus gegensätzlichen Bewegungen und Motiven, und auch wenn in ihnen Entscheidendes erzählt wird – ein Schreckensmoment der Kindheit (Wo ist das Haus meines Freundes?), Verlieben und Brautwerbung (Quer durch den Olivenhain), die Suche nach den Überlebenden eines Erdbebens (Das Leben geht weiter) –, sind sie immer mehr als die Geschichte, die man sich daraus zusammensetzen kann. Sie sind ständig in Bewegung und dabei im Gleichgewicht. Ihre Dialektik tritt auf oftmals schlagend schlichte Weise ins Bild – etwa wenn der Journalist in Der Wind wird uns tragen den Hügel hinunterläuft und, kurz bevor er aus dem Bild verschwindet, ein anderer Mensch den Hügel hinaufgeht. Oder wenn er auf seinen Wegen durch das verwinkelte Dorf eine menschenleere Totale hinterlässt, die gleich darauf von einer meckernden Ziegenherde gefüllt wird. Oder auch wenn ein Totengräber ein Liebeslied singt, dessen heitere Melodie der Wind über die Gräber trägt.

Die Dialektik bestimmt den Fluss, den Schnitt, die Dramaturgie und den Bogen von Kiarostamis Kino. So plant der Held von Der Geschmack der Kirsche den ganzen Film über einen Akt, der im Islam als Sünde gilt: Ein Mann fährt durch die karge Landschaft in der Nähe von Teheran und offenbart wechselnden Mitfahrern seine Absicht, sich umzubringen. Mäandernd wie die Strecke durch ockerfarbene Hügel, verläuft auch die Unterhaltung im Auto, zwischen Geplänkel, quasisokratischen Dialogen und Alltagsberichten. Zwar findet das Für und Wider von Leben und Sterben keine Auflösung, aber der Suizidplan, so scheint es jedenfalls, gerät durch einen Moment von elementarer Sinnlichkeit ins Wanken: Ein alter Mann schwärmt vom Geschmack reifer Maulbeeren.

Es war Abbas Kiarostami, der dem iranischen Kino nach der sogenannten islamischen Revolution zu Weltgeltung verhalf, mit Filmen, in deren offener Erzählweise Raum blieb für ein ansonsten verschlossenes Land. In seiner Heimat waren die meisten seiner allesamt mit Laiendarstellern gedrehten Filme verboten, seine jüngsten Filme drehte er im Ausland, manchmal mit europäischen Stars wie Juliette Binoche. In Ten (2002), seinem letzten im Iran gedrehten Film, macht er das Auto auf radikale Weise noch einmal zu einem wundersamen Kokon, zur einer fahrenden Schutzhülle, in der gesagt wird, was ansonsten nicht gesagt werden darf. Und es scheint, als entstehe durch die formale Freiheit, die Kiarostami seinen Darstellern lässt – er filmt sie im Auto mit einer feststehenden Kamera, ohne selbst im Wagen zu sitzen –, auch die inhaltliche. Ten ist ein Roadmovie aus zehn Episoden in kaum mehr als zehn Einstellungen. Es erzählt von einer Frau, die in Teheran illegal als Chauffeurin arbeitet. In der ersten Szene nimmt der sechsjährige Sohn der Heldin auf dem Beifahrersitz Platz, ein Papakind und Mini-Macho, der seiner geschiedenen Mutter Egoismus vorwirft. Es entspinnt sich ein sehr lebendiger Streit zwischen einem Jungen, der jetzt schon in den Bahnen der Alten denkt, und einer Mutter, die ihr Leben mit für iranische Verhältnisse revolutionärer Unabhängigkeit führt. Andere Frauen – darunter eine fanatische Religiöse und eine Prostituierte – steigen zu, und aus den nach groben Vorgaben improvisierten Dialogen entstehen Einfallstore für die Wirklichkeit. Zwischen Fiktion und spontanem Realismus entwickelt dieses Kino seine Wahrhaftigkeit und Schönheit.

Am klarsten zeigt sich die Freiheit von Abbas Kiarostami in den Enden seiner Filme. Ten entlässt seine Heldin mit einem abrupten Schnitt in ihren selbstbestimmten Weg. In Quer durch den Olivenhain sieht man das Liebespaar von oben auf einer Wiese, zwei anrührende Pünktchen, die ihrer gemeinsamen Zukunft entgegenlaufen. In Der Geschmack der Kirsche offenbart eine plötzlich ins Bild tretende Kamera den zum Selbstmord entschlossenen Helden als Schauspieler – und die Szene als Drehsituation. Und der schwimmende Knochen in Der Wind wird uns tragen bleibt ohnehin die poetischste Beerdigung der Kinogeschichte.

Am Montag ist Abbas Kiarostami im Alter von 76 Jahren in Paris gestorben.