* 24. Juni 1923 - † 1. Juli 2016

Das war noch einmal das Frankreich, das man lieben muss: Als Yves Bonnefoy am 1. Juli eine Woche nach seinem 93. Geburtstag starb, da verdrängte auf der Titelseite von Le Monde das große Porträtfoto dieses kleinen, weißhaarigen Mannes mit dem ruhigen, aufmerksamen Blick jede andere Nachricht. Alle verneigten sich vor diesem immense écrivain, dem Dichter, Essayisten, Übersetzer, dessen Ruhm sich hierzulande keiner vorstellen kann und der das verkörpert, was im Land von Baudelaire, Rimbaud und Mallarmé das höchste Gewicht besitzt: die große Poesie. In dieser Reihe wird nun sein Name stehen. Wer Bonnefoy in den letzten Jahren begegnete, der schaute bewundernd auf die sanfte Kraft, mit der er, aller körperlichen Hinfälligkeit zum Trotz, das Seine tat: denken, lesen, schreiben. Und er musste staunen, dass diese künstlerische Kraft um kein Grad nachließ, im Gegenteil, dass Bonnefoy wiederum einen neuen, unbekannten Weg begann. Vor wenigen Wochen ist sein letztes Buch erschienen, L’écharpe rouge ("Der rote Schal"), der unerhörte Versuch eines der größten Dichter unserer Zeit, das tiefste Rätsel zu verstehen: sich selber. Wo hätte einer mit 93 Jahren je einen solchen Satz geschrieben: "Es ist Zeit, jetzt, höchste Zeit, dass ich mir die wirklichen Fragen stelle." Jeden Morgen um fünf setzte er sich an sein Manuskript, denn er wusste, die Frist war kurz, und dieses eine Buch, diese Rückkehr zum Wesentlichen, zur Kindheit, zum Ursprung seines Dichtens, die musste er vollenden. Mit dem unverwechselbaren, schalkhaften Lächeln, das manchmal über sein Gesicht huschte, wies er jede Pause ab: "Man muss weitermachen, sonst klemmt sich der Teufel dazwischen." Der Teufel hat es nicht geschafft. Bonnefoy ist es gelungen, auch das hohe Alter, den nahen Tod bewusst zu erleben und ihnen in dem zu begegnen, was dieses lange Leben ausmachte: in den Worten der Poesie. Allen, die ihn gekannt haben, wird dieser so tief zur Freundschaft begabte Mensch für immer fehlen. Doch schon jetzt, beim Wiederlesen seiner Gedichte und Essays, ist er gegenwärtiger denn je, klingt seine Stimme aus jedem Wort, ernsthaft, melodisch, unendlich genau. Yves ist nicht mehr da. Doch in die Trauer mischen sich jetzt schon Dankbarkeit und Glück, Glück, dass wir mit diesem großen Dichter leben konnten und weiterleben werden.