In wenigen Monaten wird Franzi ihre sogenannte Fidelitas ablegen, die endgültige, lebenszeitliche Vereinigung mit dem Opus Dei. Der Austritt aus dem Werk wäre von diesem Moment an, moralisch gesehen, unmöglich, denn die Numerarier folgen ja einer göttlichen Berufung. Die Mitgliedschaft aufzukündigen kommt einem schweren Vergehen gegen Gott gleich. Zweifelt jemand an seiner Berufung oder wird unglücklich, heißt es: Das genau ist ja die Prüfung, die vor Gott bestanden werden muss.

Franzi hat ihre Selbstbestimmung abgegeben, ihr Recht auf Privatheit, ihre Freiheit. Warum? Sie wirkt zurückhaltend, aber dennoch wie eine souveräne Frau. Sie bedenkt ihre Antworten, spricht eloquent. Äußerlich unterscheidet sie sich nicht von anderen ihres Alters. Ihre Kleidung ist dezent, aber modern. Ihre großen blauen Augen schauen interessiert in die Welt. Wenn man es nicht wüsste – man würde nicht darauf kommen, dass Franzi ein Opus-Dei-Mitglied ist.

Die Organisation hat viele Gegner – davon zeugt die Aussteigerliteratur. Im Internet gibt es zudem ein Forum, in dem sich ehemalige Mitglieder über ihren Leidensweg austauschen. Ihr Ziel: junge Menschen zu warnen. Sie beschreiben das immer gleiche Muster: Die zugewandten Opus-Dei-Leute locken mit lustigen Gruppenfahrten, laden dann ganz unverbindlich zum gemeinsamen Rosenkranz-Gebet ein, schließlich zur heiligen Messe. Die Ehemaligen berichten einstimmig von einem starken Gefühl von Gemeinschaft und Exklusivität. Ein "geistlicher Leiter" verlangt – anfangs wohlwollend, dann jedoch immer drängender – eine regelmäßige "Gewissenserforschung", die intimsten Gedanken dürfen dem Werk nicht verborgen bleiben. Die Kandidaten werden dringend aufgefordert, sündige Gedanken und Taten "abzutöten", körperliche Schwachheiten zu überwinden, um ganz Gott zu dienen.

Von solchen Erfahrungen berichtet auch Georg Döller. Als er zehn Jahre alt ist, gerät er "in die Fänge des Werks", wie er sagt. Mit 15 unterschreibt er die Verpflichtungserklärung als Numerarier. Er hält es geheim. Zehn Jahre später steigt er aus. "Die spielen nicht mit offenen Karten. Das ist System. Auf alles haben sie plausible Antworten, alles klingt harmlos." Döller sagt, man muss das Gottesbild des Opus Dei verstehen, um zu begreifen, warum es eine solche Macht über seine Anhänger hat. "Als Teenager habe ich gelernt, dass Gott alles sieht, was ich tue, sogar, was ich denke. Er beobachtet mich, kennt meine Fehler, meine Schwächen. Ich musste ständig im Gespräch mit Gott bleiben, das heißt beten, beten, beten." In jeder Minute müsse man Gott zugewandt sein.

"Es bleibt einfach keine Zeit zum Nachdenken, zum Reflektieren. Wie soll ich etwas infrage stellen, wenn ich den ganzen Tag irrational gesteuert bin?", sagt Döller. Und genau das sei gewollt. Auf diese Weise würden die Mitglieder gefügig gehalten. "Es ist wie in einer anderen Welt." Als er sich nach zehn Jahren entscheidet, die Organisation zu verlassen, hat er jede Orientierung in der Welt verloren. Er war es gewohnt, alles mit seinem geistlichen Leiter zu besprechen und ihm blind zu gehorchen. Plötzlich muss er nun ganz allein Entscheidungen treffen. Er ist sozial isoliert, verschuldet, verwirrt. "Die haben mir die wichtigsten Jahre meiner Jugend gestohlen. Es war eine Gehirnwäsche."

Der prominente US-amerikanische Psychiater und Soziologe Robert Lifton hat Kriterien herausgearbeitet, die im Totalitarismus und in Sekten wirksam werden. Döller ist überzeugt, dass alle diese Merkmale auf das Opus Dei zutreffen. Die tägliche Gewissenserforschung im Kreise anderer Numerarier und die wöchentliche Beichte seien Instrumente der totalen Unterwerfung.

Heute ist es 28 Jahre her, dass Döller das Werk hinter sich ließ. Er hat geheiratet, arbeitet als Lehrer an einem Gymnasium. Wenn er von seiner Vergangenheit erzählt, klingt seine Stimme, als müsse er eine lang angestaute Wut mühsam unterdrücken. Ein Bruder ist noch immer Mitglied des Opus Dei. Die Organisation greift tief in die Beziehung zur Familie ein. Kind und Eltern entfremden sich. "Als meine Mutter mitbekam, auf welchem Weg ich war, hat sie Widerstand geleistet. Aber je mehr sie versucht hat, mich davon abzubringen, desto tiefer wurde meine Überzeugung, auf dem richtigen Weg zu sein." Der junge Döller wurde auf das Lukasevangelium verwiesen: "Wer sich mir anschließen will, muss bereit sein, mit Vater und Mutter zu brechen", heißt es dort. Irgendwann hat seine Mutter resigniert. "Was hätte sie auch tun sollen, wenn sie mich nicht verlieren wollte?" Döller leidet darunter, dass die Kirche diese Methoden akzeptiert, ja Päpste die Organisation sogar schützen.

Franzis Mutter wohnt allein in Berlin. Wie lebt sie mit der Entscheidung ihrer Tochter? Zunächst deutet nichts darauf hin, dass sie sich Sorgen macht. "Die Leute vom Opus Dei sind sehr nett. Die Franzi ist da in guten Händen", sagt sie. Als das Mädchen damals konvertierte, war das allerdings ein Schock. Sie habe ihr das evangelische Christentum vorgelebt, so gut sie gekonnt habe. Und dann habe ihr das plötzlich nichts mehr bedeutet.

Franzis Mitgliedschaft im Opus Dei habe sie hingegen nicht überrascht. Sie sei eben eine, die alles sehr genau mache, alles mit letzter Konsequenz. Aber dass sich die Tochter einen Bußgürtel umschnürt, sich mit einer Peitsche geißelt, ihrer Mutter niemals ein Enkelkind schenken wird? Die Antwort kommt zögerlich. Ja, das sei traurig. Aber sie schaue einfach, ob Franzi irgendwo Narben habe. Wenn es ihrer Tochter gut gehe, denke sie nicht viel mehr darüber nach. Manchmal gibt Franzi ihrer Mutter Schriften des Werks zu lesen. Es befremde sie, sagt die Mutter. An einem gewissen Punkt schalte sie einfach ab. Der Mutter kommt der Gedanke, dass sie selbst einen Anteil an Franzis Entwicklung hat. Sie spricht von Schuld. Sie und ihre Tochter seien früher alleine gewesen. Franzi wisse doch gar nicht, wie schön eine Familie sein könne. Ihren Vater habe sie gar nicht erst kennengelernt. Jetzt habe sie Gott, der ihr immer treu sei. Der werde sie nie verlassen. Der Ausdruck der Mutter ist nicht verzweifelt. Vielleicht ist "kraftlos" das richtige Wort.

Martin Hochholzer, Referent für Sekten- und Weltanschauungsfragen bei der Katholischen Arbeitsstelle für missionarische Pastoral (KAMP), bestätigt diese These, ohne Franzi zu kennen. "Opus Dei bietet den jungen Menschen Beheimatung, eine Orientierung im Leben, klare Regeln. Das Werk rückt an die Stelle der Familie. Für jemanden, der einen Mangel daran hat, ist das sehr verlockend." Hochholzer bewertet das Opus Dei als Angestellter der katholischen Kirche.

Klare Regeln. Georg Döller würde wohl von Kontrolle und Entmündigung sprechen. Daraufhin würde Franzi lächeln und erwidern, dass sie als katholische Laiin nicht einfach so vor sich hin leben will. Dass sie einen Auftrag hat in der Welt. Dass sie ganz im Sinne ihrer Berufung handelt, nach Gottes Willen – und dass sie das tief erfüllt. Man kann sich mittlerweile auf jede kritische Frage ihre Antwort vorstellen.

Die innere Logik des Opus Dei ist bestechend. Trotzdem, sie kann nicht wissen, was kommt. Sie könnte auch in der Uni einen Mann treffen, der ihren ganzen Lebensentwurf infrage stellt. "Nein", sagt Franzi einfach. "Ich verhalte mich so, als sei ich verheiratet. Ich sende keine falschen Signale aus. Die Jungs wissen das." Sie sagt das bei einem zweiten Treffen. Hilde Müller ist diesmal nicht dabei, aber eigentlich macht es keinen Unterschied. Franzi hat die Lehren des Werks verinnerlicht. Sie ist sich ganz sicher, dass richtig ist, was sie tut. Wer Zweifel an ihrer Wahrheit hat, den kann sie nur bedauern; schließlich hat er ihre Wissensstufe noch nicht erreicht. Franzi erkennt weder Kontrolle noch Manipulation oder einen tiefgreifenden Eingriff in ihre Persönlichkeitsentwicklung. Für sie ist das Opus Dei der Weg zur Vollkommenheit, der einzige Weg zu Gott. Franzi wirkt dabei nicht wie ein Opfer, sondern wie eine selbstbewusste junge Frau. Vielleicht ist gerade das so verstörend.