Es war eine einfache, höflich formulierte Frage: "Warum verkauft ihr von allen Schweizer Schokoladenprodukten ausgerechnet den 'Mohrenkopf'". Doch für die Mitarbeiterin in einem alternativen Kino im weltoffenen Zürich war das zu viel. Sie schrie mich an: "Hör auf mit dem Scheiß, diese Frage ist völliger Blödsinn."

Das Renkontre zeigt, wie aggressiv die selbsterklärten Gegnerinnen und Gegner der Political Correctness im Alltag auf kritische Fragen reagieren: "Das wird man wohl noch sagen dürfen!"

Woher kommt dieser Wutreflex? Wer als naiver Gutmensch noch an die Kraft von Argumenten und Empathie glaubt, muss die Möglichkeit in Betracht ziehen: Der Korrektheitskonflikt ist ein einziges großes Missverständnis. Da sind Menschen mit "Mohrenköpfen" und dem Kasperli-Stück De Schorsch Gaggo reist uf Afrika aufgewachsen. Sie verbinden schöne Erinnerungen damit, sich bei der Kinder-Fasnacht als Afrikaner, Araber, Chinese oder Indianer verkleidet zu haben. Und auf einmal kommen andere, Fremde und unterstellen ihnen, rassistisch zu sein. Dabei gehören sie doch zu den Guten und haben natürlich alle ausländische Freundinnen und Freunde, die "kein Problem damit haben". Mit dem "Mohr", dem "Georg Kakao" und dem "Fasnachts-Chinesli".

Ihr Unmut ist zwar nachvollziehbar, aber vollkommen egozentrisch.

Als 2014 die beiden Berner Stadträte Halua Pinto de Magalhães und Fuat Köçer in einem Postulat das Wahrzeichen der Berner Mohrenzunft kritisierten, ging es ihnen nicht darum, die Statue im Namen einer antirassistischen Säuberungsaktion aus dem Stadtbild zu entfernen. Erst die Medien verkürzten das Anliegen der beiden Politiker auf die absurd verdrehte Frage: "Ist der Berner Mohr rassistisch?" Die beiden Secondos wollten vielmehr ein Gespräch darüber anstoßen, wie wir das Zusammenleben in einer Stadt gestalten wollen, die längst durch Migration geprägt ist. Dabei muss eben auch über koloniale Relikte wie die Mohrenfigur diskutiert werden.

Wir wissen aus der historischen Forschung, dass die Schweiz – entgegen ihres Selbstbildes – aktiv in den europäischen Kolonialismus involviert war. Vom Sklavenhandel, an dem auch die besagte Berner Zunft mitverdiente, über wissenschaftlichen Rassismus bis hin zur Kolonialwarenexotik – alles da gewesen. Und die koloniale Vorstellungswelt wirkt bis heute in unserem Alltag, unseren Institutionen und in unserer Sprache. Wussten Sie etwa, dass "Kulturkreis" und "Assimilation" beides Begriffe aus der Kolonialzeit sind?

Viele Schweizerinnen und Schweizer konnten diese historischen Zusammenhänge lange verdrängen. Doch mit der globalen Migration hat sich die Bevölkerung in den vergangenen Jahrzehnten grundlegend verändert. Man mag das gut oder schlecht finden, es ist ein Fakt. Nicht nur in Bern leben mittlerweile viele Menschen, für die Rassismus und Kolonialismus keine abstrakten Themen sind, sondern Teil einer schmerzhaften Familiengeschichte.

Es wird zu Recht darauf hingewiesen, wie wichtig Sprache für Integration ist. Gemeint ist damit allerdings meistens nur: Ausländer sollen gefälligst die Landessprache lernen. Dass sich die Sprache zugleich für die Erfahrungsräume der neuen Mitmenschen öffnen müsste, daran denkt kaum jemand.

Es geht nicht um "politische Korrektheit"

Sprache ist aber kein nationales Mausoleum, sondern der Ort, an dem wir unser Zusammenleben immer wieder neu aushandeln, gestalten und pflegen müssen. Einige Mitmenschen verletzt es, wenn von Schwarzfahren und Schwarzmarkt gesprochen wird beziehungsweise wenn in einem Waschmittel-Spot der Migros ein schmutziger Braunbär von einer weißen Person weiß gewaschen wird. Und es trifft sie, dass das Black-Facing weiterhin gesellschaftlich akzeptiert ist – am Sechseläuten wie in Comedy-Sendungen im Schweizer Fernsehen. Wer das anspricht, wer den Mohrenkopf kritisiert, der erntet im besten Fall ein Kopfschütteln – oder wenn es dick kommt, eine wüste Beschimpfung. Dabei wären Debatten über kalorienreiche Alltagsobjekte eine großartige Chance, um schon im Kleinen die Teilhabe in einer postmigrantischen Gesellschaft zu üben – und gemeinsam über die Rolle von Sprache nachzudenken. Es ginge hier nicht darum, ob Wörter wie Schaumkuss oder gender-sensible Schreibweisen per se schöner oder praktischer sind. Sondern darum, die Sprache mit denjenigen zu teilen, die durch sie marginalisiert werden: Seien es Frauen, Homo-, Transsexuelle, Behinderte, Nicht-Weiße oder Fremde. Und wenn im Zuge dieses Prozesses auch jahrhundertealte Selbstverständlichkeiten hinterfragt werden und die Kommunikation dadurch zunächst komplizierter als vorher erscheint – dann sei’s halt drum. Das ist der Preis für echte, gegenseitige Integration.

Klar, mit Sprachkritik allein ist es nicht getan. Aber wer sie diskreditiert, indem er auf ein noch größeres Übel verweist, liegt ebenso falsch. Dies gilt auch für die Eidgenössische Kommission gegen Rassismus. Es sei ein Luxusproblem, heißt es, sich mit derartigen symbolischen Fragen zu beschäftigen, während Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken. Das stimmt, aber seien wir ehrlich: Das meiste von dem, was wir gerade tun, würde diesem Vergleich wohl kaum standhalten. Hinzu kommt: Viele Menschen, die auf der Flucht nach Europa sind, werden, sofern sie es lebendig über die Grenzen schaffen, unsere zukünftigen Mitbürgerinnen und Mitbürger sein. Und zu glauben, für ein erfülltes Leben brauche es lediglich einen guten Job, eine Integration in den Arbeitsmarkt, ist schlicht absurd. Die neuen Mitmenschen werden ihre Erfahrungen, Geschichten, Erinnerungen, Träume und auch Verletzungen mitbringen, und die werden ihren Ausdruck finden wollen. In der Sprache.

Nein, es geht im Mohrenkopf-Streit nicht um "politische Korrektheit" – das ist ein polemischer Kampfbegriff all jener, die nicht teilen wollen. Die eigentliche Frage ist, ob wir im Zeitalter der weltweiten Migration in einen ergebnisoffenen Prozess der demokratischen Teilhabe eintreten wollen? Ein Prozess, der auch die Sprache, die Bilder und die Symbole erfasst. Oder wollen wir lieber eine Dominanzkultur betonieren, die im Namen der abendländischen Meinungsäußerungs- und Humorfreiheit schließlich nur tradierte Privilegien, Ausgrenzung und Ungleichheitsstrukturen verteidigt?

Übrigens: Ich mag keine Schaumküsse, sie sind mir zu süß.