Rolf Hochhuth, der Dramatiker und Störenfried, der unermüdlich moralisch aufgebrachte Autor des Stellvertreters, der Soldaten, der Wessis in Weimar und Inhaber des Berliner Theaters am Schiffbauerdamm, wohnt in einem Apartment mit Blick auf das Holocaust-Mahnmal. Zwei junge Praktikantinnen sitzen in einem Nebenzimmer vor ihren Computern, der Dichter dichtet, sie speichern ein Poem nach dem anderen ab. Hochhuth ist ein moderner Wort-Unternehmer im Alter von 85 Jahren.

Birgit Lahann, deren Reportagen während der goldenen Jahre des sterns den Standard eines literarisch gebildeten Journalismus setzten, hat nun auf der Grundlage zahlloser Interviews die längst fällige Biografie des rastlosen Mannes geschrieben. Ich glaubte, ihn zu kennen – ich war zehn Jahre lang sein Verleger. Dass er bei Gelegenheit in der Druckerei des Rowohlt Verlags anrief, um letzte Korrekturen anzubringen, war mir bekannt. Doch dass die Mutter seiner ersten Frau als Mitglied der Roten Kapelle 1943 in Plötzensee hingerichtet wurde, dürfte nicht nur mir neu sein. Und dass der junge Bertelsmann-Lektor Rolf Hochhuth nach der Lektüre des erschütternden Gerstein-Berichts über die Massenvergasungen von Juden die Idee entwickelte, ein Gespräch zwischen dem SS-Obersturmführer Kurt Gerstein und dem vatikanischen Nuntius in Berlin zum Ausgangspunkt seiner dramatischen Anklage gegen den Stellvertreter Gottes in Rom, Papst Pius XII., zu gestalten – dies führt den Leser zurück in eine Phase der deutschen Nachkriegsjahre, in der verstockte Juristen und andere Sitzenbleiber der Geschichte in Theatern und Verlagen den Kammerton der Republik vorgaben.

Hochhuths Stellvertreter, 1963 in der Regie von Erwin Piscator in Berlin uraufgeführt, galt als Skandal – "eine einsame Stimme in der Wüste des Verschweigens", so urteilte damals Ludwig Marcuse. Die Wüste lebt: Noch bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts fand sich keine Staatsbühne im katholischen Bayern, die das Drama aufführen wollte. Doch mit zwei Millionen verkauften Exemplaren hat Der Stellvertreter als Paperback-Ausgabe mehr Leser gefunden, als die Zeitgeistverwalter jener Jahre es sich hätten träumen lassen.

Birgit Lahann gelingt es, in der Rezeptionsgeschichte von Hochhuths Stücken und Essays eine kulturelle und moralische Milieustudie Deutschlands zu zeichnen, in der ein Schriftsteller noch in den Rang eines Enfant terrible aufsteigen konnte – eine Rolle, die Hochhuth genoss. Sein Drama Soldaten, das Winston Churchill die Ermordung des polnischen Exilgenerals Sikorski unterstellte, so erfahren wir bei Lahann, gründete auf nichts anderem als einem Gerücht, das ihm die Frau seines Verlegers, Jane Ledig-Rowohlt, zugetragen hat. Mehr nicht. Derlei dichterische Freiheit hat Hochhuth ein englisches Strafurteil in Höhe von 50.000 Pfund eingebracht, heute rund 150.000 Euro, die er nie bezahlt hat. Die Insel hat er seitdem gemieden.

Wäre es nach dem Ministerpräsidenten Baden-Württembergs, Hans Filbinger, gegangen, dann hätte der ehemalige Militärrichter der Wehrmacht seinen Ankläger Hochhuth bestimmt an die Briten ausgeliefert. In seinem ersten Prosawerk, Eine Liebe in Deutschland, bezeichnete ihn der Autor als "furchtbaren Juristen", der noch 1945 im Gefangenenlager nach NS-Gesetzen urteilte und im Januar jenes Jahres einen Matrosen wegen Fahnenflucht zum Tode verurteilt und die Hinrichtung selbst befehligt hatte. Wer heute den verfaulten Zeitgeist jener Jahre aus der Nähe kennenlernen will, wird von Lahann genau informiert: Franz Josef Strauß riet Filbinger öffentlich von einer Klage gegen Hochhuth ab – "man führt mit Ratten und Schmeißfliegen keine Prozesse".

Hier ist ein Geständnis fällig: Als Rolf Hochhuth sein in freien Jamben geschriebenes Stück Wessis in Weimar dem Rowohlt Verlag anbot, habe ich es abgelehnt – in der Fassung, die mir vorlag, war klipp und klar zu lesen, dass eine Ermordung der Treuhandchefin Birgit Breuel moralisch gerechtfertigt sei. Oder sein könnte. Sie war die Nachfolgerin von Detlev Karsten Rohwedder, den RAF-Mörder am 1. April 1991 erschossen hatten. Zu meinem Erstaunen hat der Dramatiker Teile meines Absage-Briefs gleich in das Stück aufgenommen. Dieser Charakterzug eines Vielverwerters war mir neu, wie auch seine besonderen kaufmännischen Fähigkeiten, die ihn in den Besitz des Berliner Brecht-Theaters am Schiffbauerdamm brachten – ein Wessi nicht in Weimar, sondern auf dem Immobilienmarkt in Berlin. "Ich habe das Theater auf die denkbar legalste Weise von den jüdischen Erben Wertheim gekauft, die erst von den Nazis und dann von Ulbricht enteignet worden waren. Und ich hatte das Glück, dass die noch lebten und dass sie mir als Verfolgte das Haus vielleicht zu einem Zwanzigstel dessen verkauft haben, was ihnen die Stadt Berlin oder der Bund dafür hätte zahlen müssen." Zweifellos handelte es sich bei dem Schnäppchen-Kauf um eine unerwartete Rendite für den Autor des Stellvertreters.

Die regelmäßige Wiederaufführung des Dramas scheint Teil des Pachtvertrags mit dem Berliner Ensemble zu sein. Oder auch nicht – Genaueres ist der Berliner Presse zu entnehmen, die den ewigen Streit des alten Autors mit dem kaum jüngeren Intendanten Peymann jedenfalls gern zum Anlass nimmt, in der Nachkriegsgeschichte des deutschen Theaters zu stöbern, die ohne Hochhuth nicht vorstellbar ist. Und ohne Peymann auch nicht.

In Birgit Lahanns Buch ist die Karriere eines investigativen Journalisten namens Hochhuth zu besichtigen, der es sich als junger Mann in den Kopf gesetzt hatte, ein Lyriker und Dichter zu werden, und dem das eigene Leben bisweilen über den Kopf gewachsen ist. Seine vierte Frau dürfen wir uns als eine moderne Antigone vorstellen: tapfer bis hin zur Selbstaufopferung. Die Autorin steht ihr in nichts nach. Man könnte ihr Buch auch unter dem Arbeitstitel "Hochhuth, ins Deutsche übertragen" lesen, würde einen der Respekt vor diesem ungewöhnlichen Mann nicht daran hindern. Der gebührt der Autorin allerdings ebenfalls.

Birgit Lahann: Hochhuth. Der Störenfried; mit Fotografien von Karin Rocholl; Dietz, Bonn 2016; 382 S., 29,90 €