Und dann ist doch etwas passiert. Aber erst mal lief der Literaturwettbewerb um den Bachmann-Preis auch in seinem vierzigsten Jahr wie immer. Die Rollen waren fix verteilt wie gehabt und beschrieben in vierzig Mal einem Dutzend Klagenfurt-Reportagen: Der Wörthersee war wieder da, und die Sonne war wieder so heiß. Unter den Kärntner Honoratioren war der gewichtigste wieder der Justiziar, der die Reihenfolge auslost, in der die Autoren lesen. Deren Lektoren, Agenten und Presseleute waren wieder alle da, und die Vorabmeinung war wieder da, der zufolge autoritative Literaturkritik "absurd, bizarr und aus der Zeit gefallen" ist (Spiegel Online). Sieben Juroren waren wieder da, die sich von so etwas schon gar nicht aus der Fasson bringen lassen.

Ein eingefahrenes System wie die "Tage der deutschsprachigen Literatur", so der offizielle Titel, funktioniert notfalls sogar ohne innere Beteiligung der Anwesenden. Und nichts, was einer tut, ändert etwas an diesem Automatismus, obwohl sich das alle wünschen. Deswegen wird oft auch eine Autorin geladen, von der man ein bissl Krawall erwartet. Diese Rolle musste dieses Jahr Stefanie Sargnagel spielen. Die Wiener Künstlerin demaskiert derzeit auf Facebook die österreichische Identitären-Bewegung in all ihrer Dumpfheit und lässt dabei die Verfahrensweisen von Facebook offenbar werden. Denn das Netzwerk sperrt sie wegen ihrer Provokationen regelmäßig aus. Sie macht richtig was los, aber die Klagenfurt-Routine kriegte selbst sie klein. Denn da trat sie wie dreizehn andere Autoren vor eine Jury, deren Vorsitz der Kritiker Hubert Winkels innehatte und der vier weitere Zeitungs- und Fernsehkritiker und zwei Literaturprofessoren angehörten. Diese Kunstrichter agieren traditionell, als wüssten sie nichts von der Welt, und kritisieren nur, was vor ihren Augen, in einem Fernsehstudio des ORF passiert. Ein echt demokratisches Prinzip. Es gilt, was einer sagt, nicht, was er ist.

Womöglich ist es aber gerade seine großartige Gerechtigkeit, die den Wettbewerb lähmt. Denn was immer Autoren und Juroren in diesem starren Rahmen sagen, gleicht sich tendenziell aus, moderiert sich gegenseitig ab. Dem gaben sich die Juroren heuer geschlagen. Sie verhielten sich höflich, moderat und schützten "philologische Genauigkeit" vor. Das muss so nicht sein. Auch Literaturkritik kann politisch Stellung beziehen und streitbar werden – sogar im behaglichen Klagenfurt.

Wie sehr die Jury daran scheiterte, fiel auf, weil viele der gelesenen Texte sehr politisch zu sein versuchten. Mit unterschiedlichem Geschick. Fünf von vierzehn Wettbewerbsbeiträgen waren zu diesem Zwecke aus der Sicht älterer, überwiegend männlicher, ins Sexistische oder Fremdenfeindliche tendierender Deutscher erzählt. Warum? Bannt man so literarisch, was man politisch offenbar ablehnt? Kann man sich von jemandem distanzieren, indem man seine Sicht annimmt? Denunziert man dabei nicht die eigene Figur? Und wie kann sich ein Leser zu diesen Figuren verhalten?

Die Jury machte da einen verunsicherten Eindruck. Ihr schienen die Begriffe auszugehen. Meike Feßmann gab immerhin zu, sie müsse "erkennen, dass unsere Kategorien einfach überhaupt gar nicht mehr funktionieren", als der aus Israel stammende Tomer Gardi las. Im Herbst erscheint sein Buch Broken German, und so trug er vor: "Am Ende diese Flug verlieren ich und meine Mutter unseren Koffern. Bei der rollenden Gummiband stehen wir, da mit den Anderen. Schlafentzugt, nikotinhungrig, erschöpft, als die Koffern uns vorbei langsam rollen." Alles voller Grammatikfehler, Orthografiefehler, Kommafehler! Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur! Tststs!

Hier gehe es um die "Einwanderungsbedingungen in die deutsche Sprache", so Feßmann. Warum aber nicht offen sagen, dass es darum geht, wer die festlegt? Tomer Gardi nahm sich eigene Souveränität darüber heraus, indem er Fehler und Fremdheit zu seinem künstlerischen Material machte. Die Jury aber, die über sprachliche Richtigkeit zu entscheiden hat, bestand auf ihrem Machtmonopol über die Einwanderungsbedingungen in die deutsche Sprache und setzte ihn nicht einmal auf die Shortlist, aus der am Ende der Preisträger gewählt wird. Das ist legitim, man hätte es aber aufrichtiger vertreten müssen.

Auch der Gewinnertext von Sharon Dodua Otoo enthält einen neuartigen Absatz. Da heißt es über die Hauptfigur, den 78 Jahre alten Ingenieur Helmut Gröttrup: "Wenn jemensch ihn allerdings als 'Cis-Mann' bezeichnet hätte, hätte er vor lauter Irritation bestimmt die Augen zusammengekniffen. Und wenn jemensch ihn als 'weiß' bezeichnet hätte, hätte er dies entweder als Synonym für 'deutsch' aufgefasst oder sich gefragt, ob dies als Beleidigung zu verstehen war". "Cis-Mann" ist ein Neologismus für einen nicht Transsexuellen, mit "jemensch" wird das männlich konnotierte "man" im Wort "jemand" vermieden. Otoos Erzählung nimmt die Perspektive eines von Kontrollwahn getriebenen Mannes ein und nutzt dabei ein Vokabular, das mit der sprachlichen Normalität seines Daseins dezidiert aufräumt. Im weiteren Verlauf der Geschichte wechselt die Erzählerstimme unter anderem in die Rolle eines Frühstückseis, das nicht hart werden will, um "Herrn Göttrup" zu verunsichern. Es war eindeutig die smarteste Geschichte des Wettbewerbs, und so bekam Otoo in der Abstimmung der Jury den Hauptpreis. Über ihre demonstrative Distanzierung vom üblichen Sprachgebrauch: keine Diskussion.

Der zweite Preis ging an den Schweizer Dieter Zwicky für einen Text, der eher dem L’art pour l’art zuzuordnen ist, der dritte Preis an Julia Wolf für eine Geschichte über einen alternden Schwimmer, der dabei ist, den Verstand zu verlieren. Den Publikumspreis erhielt Stefanie Sargnagel.

So ist eine fabelhafte, hochpolitische Entscheidung gefallen, ohne dass erkennbar wäre, ob sie aus Gründen getroffen wurde oder ob durch glückliche Fügung den 40. Ingeborg-Bachmann-Preis eine Britin gewonnen hat, die übrigens auch erst seit Kurzem auf Deutsch schreibt. Die öffentlich darüber nachdenkt, wie Deutschland mit seiner Kolonialgeschichte umgeht und warum schwarze Frauen so oft befremdet angeguckt, aber nicht eigentlich gesehen werden. Eine engagierte schwarze Schriftstellerin. Das ist tatsächlich etwas Neues im deutschen Literaturbetrieb.