Eigentlich ist es eine Erfolgsgeschichte. Eine gigantische noch dazu. Mitte der sechziger Jahre erschüttert eine Studie die Schweizer Bildungspolitik: Der sogenannte Bericht Labhardt. Er zeigt, wie das herrschende Bildungssystem bestimmte Bevölkerungsgruppen benachteiligt: Frauen, Jugendliche vom Land und solche aus bildungsferneren Schichten sind an den höheren Schulen krass untervertreten. Dagegen müsse man etwas tun, fordert die Expertenkommission – und der zuständige Bundesrat Hans-Peter Tschudi fackelt nicht lange.

Die Hochschulen in den großen Städten erhalten mehr Geld und multiplizieren die Anzahl ihrer Studienplätze. Landauf, landab bauen die Kantone ein Gymnasium nach dem anderen. Historiker sprechen später von einer Bildungsexpansion. Explosion würde besser passen.

Die Maturitätsquote steigt von 3,8 Prozent (1960) erst auf 10,6 Prozent (1980), dann auf heute über 20 Prozent. Die größten Unterschiede zwischen Stadt und Land und den beiden Konfessionen verschwinden. Auch immer mehr Frauen strömen an die Mittelschulen; seit den neunziger Jahren sind sie dort in der Mehrheit.

Nur etwas hat sich in all den Jahren nicht geändert: Noch immer entscheidet nicht der Grips allein, wer eine Matur macht, sondern die Herkunft. Also die Frage, ob die Eltern Akademiker sind – oder nicht.

Das ist ein Skandal. Nicht nur weil damit unzählige junge Menschen um ihre Aufstiegschancen gebracht werden. Sondern auch, weil die Schweiz ihr intellektuelles Potenzial nicht ausgeschöpft – das ist ein volkswirtschaftlicher Blödsinn.

Das Schweizer Bildungssystem gibt vor, Exzellenz zu produzieren. Doch Studien zeigen: Die 20 Prozent Gymnasiasten entsprechen nicht den 20 intelligentesten Prozent der Schweizer Jugend. So fehlen in diesen Tagen, wenn die aufgebretzelten Maturanden im Sonntagsgewand ihre Zeugnisse erhalten, unzählige clevere Köpfe, die genauso das Zeug für eine akademische Laufbahn hätten. Aber nie den Weg an ein Gymnasium gefunden haben.

Dafür stehen an ihrer Stelle junge Menschen, die ihre Talente in einer Berufslehre viel besser hätten entfalten können. Aber schließlich an einer Mittelschule gelandet sind.

Wie viele Teenager am falschen Ausbildungsort landen, hat die Intelligenzforscherin Elsbeth Stern vor zwei Jahren erhoben. Die Studien der ETH-Professorin zeigen, dass ein Drittel aller Gymi-Schüler, gemessen an ihrem Intelligenzquotienten (IQ), nicht für eine Mittelschule geeignet ist. Und dass möglicherweise bis zu zehn Prozent der Schweizer Schüler, die nicht das Gymnasium besuchen, einen IQ mitbringen, der sie eigentlich für diesen Schultyp qualifiziert.

Etwas salopp formuliert, bedeutet das: An den Gymnasien geht es weniger um Exzellenz-Produktion, sondern um die Reproduktion einer Akademiker-Elite.

So oder so ähnlich sieht das auch der Zürcher Geschichtsprofessor Philipp Sarasin. Seit Jahren schreibt er mit Verve gegen das herrschende Mittelschulsystem an: "Es gibt eine Begabtenreserve, die wir nicht ausschöpfen." Die Eintrittsprüfung nennt er eine "Klassensortierungsanlage". Selbst die Mathematiktests bestünden aus Textaufgaben! Das mache es besonders schwierig für Migrantenkinder, die zu Hause kein Deutsch sprechen. Für Sarasin gibt es nur eine Lösung, um diese Chancenungleichheit zu bekämpfen: eine höhere Maturitätsquote. Geht es nach Sarasin, sollen künftig fast ein Drittel aller Jugendlichen das Gymnasium abschließen.

Der Historiker hat das Problem erkannt. Aber sein Gegenmittel taugt nicht.

Eine höhere Maturitätsquote bringt nichts. Sie produziert nur mehr Schulabbrecher

Es geht nicht um die Frage, ob die Schweiz mehr oder weniger Maturanden braucht, damit alle Jungen möglichst dieselben Ausbildungschancen erhalten. Es geht nicht um eine fixe Quote.

Im Tessin und in Genf, den beiden Kantonen mit der höchsten Maturitätsquote, verlassen nämlich auch am meisten Gymnasiasten die Mittelschule ohne Maturität, schreibt der Ökonom Stefan C. Wolter im Bildungsbericht 2014 – einem alle vier Jahre erscheinenden Standardwerk. Die Schüler brechen die Ausbildung nicht ab, weil ihre Leistungen zu schlecht wären, nein, es fehlt ihnen an der Motivation, sie haben Konflikte mit den Lehrern oder Kollegen – kurzum: Sie sind am falschen Ort.

Die Frage muss also lauten: Wie gelingt es, dass Sommer für Sommer die Richtigen ein Maturzeugnis überreicht bekommen? Oder, wie es ETH-Professorin Elsbeth Stern sagt: "Wie kriegen wir die einen raus – und die anderen rein?"

Ins Gymi, raus aus dem Gymi. In die Berufslehre, raus aus der Berufslehre.