"FollowYour Dreams" – diese Aufforderung sprühten nicht nur Mr. Brainwash und Banksy auf ihre Bilder, sie wird jetzt auch vom Kunsthaus Artes verbreitet. Unter dieser Überschrift erzählt das Versandhaus für Kunst in seinem Katalog das Erfolgsmärchen einer Subkultur nach und bewirbt mit gut zurechtgebogenen Verweisen auf die Kunstgeschichte seine Verkaufssparte Urban Art oder Street-Art. Kunden können Druckeditionen, Schablonenbilder, besprühte Objekte und Bildträger mit dem illegalen Straßenflair schon ab 140 Euro direkt nach Hause bestellen.

Noch mehr als in Deutschland floriert dieser Markt in Frankreich, wo etwa das Auktionshaus Digard in Paris regelmäßig transportable urbane Kunst zu relativ niedrigen Preisen versteigert: Für mehrere Tausend Euro lassen sich Leinwände von längst etablierten Sprayern wie Blade, Quik oder Cope 2 aus der alten New Yorker Schule erwerben, weniger als 2000 Euro wurden für Bilder der jungen Street-Art-Künstlerin Indie184 angesetzt, deren Motive auch schon auf Kosmetikkoffern der Marke M.A.C zu sehen waren.

Die Vermarktung dieser Kunstrichtung liest sich überall gleich, und zwar wie ein klassischer Heldenstoff: Jemand aus armen Verhältnissen träumt von einem besseren Leben, kämpft sich mit seinem Talent empor, verliert dabei seine moralischen Werte nicht aus den Augen und kommt durch seine Kunst berechtigt zu Weltruhm.

Die Helden in der Erfolgsstory "urbane Kunst" sind die Graffitikünstler, die vermeintlichen Werte bestehen aus Freiheit, Rebellion und dem Recht auf individuellen Ausdruck. Für die Rolle des mystischen Urhelden muss meistens der verstorbene Künstler Jean-Michel Basquiat herhalten. Auktions- und Verkaufshäuser verbreiten gern die Legende, dass der Künstler anfänglich Graffiti sprühte und aus diesem Milieu heraus Kunstgeschichte geschrieben hat. Käufer sollen glauben, dass die bunten Bilder der aktuell angesagten Urban-Künstler in einigen Jahren ähnliche Wertsteigerungen erleben werden wie die von Basquiat oder Keith Haring. "Follow Your Dreams" ist aber nicht nur ein Werbejingle für Kunstinvestoren, sondern auch für solche Sammler, die sich mit der cool-urbanen Kunst ihr Image verjüngen wollen.

Allzu oft Kitsch

Besonders beliebte Motive im Markt für die Street-Art sind Eistüten und Donuts, Micky Maus und ihre Freunde, attraktive Schauspielerinnen, schnelle Autos, Ponys, das Gesicht von Andy Warhol oder Keith Haring und natürlich der behaarte Kopf Basquiats. Diese figürlichen Partien werden gern mit Tags, heruntergelaufener Farbe, modischen Slogans, Schablonen-Ornamenten oder gesprühten Glanzlichtern umrandet. Der Stil ist nur vermeintlich spontan, schnell und rotzig, bei näherem Hinsehen entdeckt man meistens die Kalkuliertheit und die zeitraubende Raffinesse, mit der das Bild nicht gemalt, sondern designt wurde.

Und so sind diese Kunstwerke oft das komplette Gegenteil zu echter Straßenkunst. Aufgrund der Illegalität entstehen Graffiti auf der Straße oder in U-Bahn-Depots meist unter Zeitdruck, die Sprayer oder Maler arbeiten im Dunkeln, benötigen Leitern, Kletterhilfen oder selbst gebastelte Werkzeuge wie übergroße Farbrollos und Sprühtanks. Viele Sprayer interagieren gezielt mit dem jeweiligen Ort und entwickeln für jede Situation eine andere Variation ihrer Buchstaben. Zusätzlich werden durch verschiedenen Untergrund, durch Mauertypen, Steinsorten, Betonverarbeitungen oder Lackoberflächen die Farbwirkung und die Flächenstruktur zwangsläufig beeinflusst und verändert. Graffiti und Street-Art sind für alle Passanten kostenlos und frei zugänglich.