Ja, das ist selbstbewusst. Aber der EKZ-CTO ist nicht der Mann für kernige Botschaften. Aus dem Silicon Valley hallen monatlich große Versprechen über revolutionäre, "disruptive" Energie-Techniken. Die Kommunikationsabteilungen der Unis beteiligen sich an den Hypes, und die Medien kolportieren sie gern – Michael Kollers Sprache bleibt wohltuend nüchtern.

Das heißt nicht, dass Koller denkt, es würde sich kaum etwas ändern. Im Gegenteil.

Der Energiesektor wandelt sich seit einigen Jahren grundlegend – auch in der Schweiz. Wobei die großen Umwälzungen der Energiewende noch bevorstehen. Viele Experten und Politiker sind skeptisch, ob das Unterfangen schließlich gelingt. Sie kritisieren: Wind- und Solarstrom seien unzuverlässig. Sie machten das System instabil mit ihrer schwankenden Produktion. Und die zahlreichen Kleinkraftwerke ließen sich nicht in ein Netz integrieren, das für große Kraftwerke gebaut wurde, die stets so viel Strom wie gewünscht produzieren. Koller sagt nüchtern: "Die neuen Stromquellen lassen sich integrieren. Die Frage ist: in welchem Umfang und zu welchem Preis?"

Eine klare Ansage – trotzdem lässt sich Koller nicht auf Spekulationen ein, wie das zukünftige Energiesystem der Schweiz aussehen wird. Er denkt in Szenarien. Mehr Windkraft, mehr Solarkraft, mit Atom, ohne Atom. Jedes Szenario hat seine Eigenschaften. Es sei aber schließlich die Aufgabe der Gesellschaft, sich über die gewünschten Rahmenbedingungen zu verständigen, und Aufgabe der Unternehmen, für diese die besten Lösungen zu finden. Klar ist zurzeit nur etwas: Es wird in Zukunft mehr Strom aus erneuerbaren Quellen geben.

Einen Glaubenskampf will Koller aus seiner Arbeit nicht machen, erklärt er in einem Sitzungszimmer mit dem vielsagenden Namen "Edison". Im späten 19. Jahrhundert lieferten sich Thomas Edison und George Westinghouse einen epischen "Stromkrieg". Der eine wollte die Stromversorgung mit Gleichstrom etablieren, der andere setzte auf Wechselstrom. Gleichstrom eignet sich für Übertragungen über kurze Distanzen: Edison schwebte eine dezentrale Energieversorgung vor. Westinghouse dagegen dachte groß – und siegte. Das erinnert stark an heute. "Ich glaube, weder Westinghouse noch Edison hatte absolut recht oder unrecht", sagt Koller: "Was früher unterlegen war, kann heute unter geänderten Voraussetzungen besser sein."

Es geht nicht um die technologische Revolution, sondern um den richtigen Mix

Diese Einsicht hat Ingenieur Koller im Hinterkopf, wenn er sich um die wichtigste Frage seiner Arbeit kümmert: Wie gelingt der Übergang von einem System mit wenigen großen, gut steuerbaren Kraftwerken zu einem mit vielen kleinen Anlagen und schwankender Produktion?

Bis vor Kurzem waren jene Experten am lautesten zu hören, die forderten: Man müsse das Netz ausbauen, um die schwankende Produktion der Solar- und Windkraftwerke auszugleichen. Seit einem Jahr spricht aber alles nur noch von der lokalen Stromspeicherung. Seit der begnadete Selbstvermarkter Elon Musk seine billige Tesla-Batterie auf den Markt warf. Große Stromproduzenten seien bald überflüssig, die Zukunft gehöre autarken und teilautarken Versorgungsregionen. "'Teilautark'?", fragt Michael Koller und lächelt: "Was für ein Wort! Autarkie ist etwas Absolutes; 'teilautark' ein Widerspruch in sich selbst."

Nicht um die große technologische Revolution gehe es. Sondern um den richtigen Mix. Da ist er wieder, dieser Pragmatismus, der junge Forscher wie ihn für die Energiewende so wichtig machen.