Eine schmale, blitzblank gefegte Seitenstraße in einem stillen Wohngebiet. Es ist so still hier, dass sich auch nur dieser flüsterleise Hybridwagen von hinten unbemerkt dem Fußgänger nähern konnte. Der Fahrer hat nicht etwa gehupt, stattdessen so weit heruntergebremst und so lange gewartet, bis er schließlich dem Flaneur endlich doch auffiel. Man will ja nicht stören.

Ist das hier wirklich Tokio? Aber ja: Es sind von hier nur ein paar Gehminuten bis zu einem der geschäftigsten Straßenzüge der Welt, der Shibuya-Kreuzung. Dort zeigt sich die Stadt so, wie man sie zu kennen meint, mit Wolkenkratzern, Werbung mit Superstars und Mangafiguren, dazu ein Sound aus Sonderangebotsreklame, Willkommensgrüßen, Popmusik. Einen Moment lang springen für die Autos alle Ampeln gleichzeitig auf Rot. Dann marschiert, rennt und wuselt eine Menschenherde auf die jeweils andere Straßenseite. Eine Minute haben Fußgänger Zeit, bis die Motoren wieder aufheulen.

Tokio ist unglaublich. Einerseits eine Aneinanderreihung von Superlativen: In der Metropolregion leben rund 38 Millionen Menschen, mehr als auf dem gesamten australischen Kontinent. Die Bevölkerungsdichte in der Stadt Tokio ist größer als jene von Berlin, London oder Madrid. Tokio ist die Stadt mit der höchsten Wirtschaftsleistung der Welt. Wer das hört, denkt: unregierbares Chaos. Andererseits stellt sich das Megacity-Gefühl selten ein. Die eingangs beschriebene Kleinstadtidylle muss man nicht suchen – es gibt sie überall.

Und darum ist diese Stadt für Architekten, Städteplaner, Soziologen, Ökonomen und Ökologen so interessant. Zurzeit lebt laut den Vereinten Nationen schon jeder zweite Mensch in einer Stadt, Tendenz steigend. Die urbane Lebensform gilt als Leitbild. In China wird gerade eine Megacity für 120 Millionen Einwohner geplant. Das 21. Jahrhundert wird die Zeit des großen Umzugs in die Städte sein. Wer für diese Zukunft ein Labor sucht, der sollte nach Tokio schauen. Wie kann diese Stadt funktionieren?

Das hellgrüne Oval ist die legendäre Yamanote-Linie © www.jreast.co.jp

Um das herauszufinden, will ich eine komplette Runde mit der legendären Yamanote-Linie fahren, einer der wichtigsten U-Bahn-Linien Tokios. Die 35 Kilometer lange Ringstrecke verbindet 29 Haltestellen in Tokios zentralen Stadtteilen, befördert mit 3,7 Millionen Menschen pro Tag mehr Menschen als die London Underground auf all ihren elf Linien. Der Yamanote-Linie wurden schon Videospiele gewidmet, in ihr tragen sich Romane zu, ihre volltapezierten Waggons bieten die begehrtesten Werbeflächen.

Meine Rundtour beginnt am Bahnhof von Shibuya. Auf dem Bahnsteig warten an gelben Markierungen ältere Frauen mit Einkaufstüten neben jüngeren Männern in Anzügen. Niemand drängelt, als der Zug zentimetergenau hält, das Ein- und Aussteigen erledigt sich während eines Wimpernschlags. Ein paar Plätze sind noch frei.

Tokio hat keine öffentlichen Mülleimer, die Stadt ist trotzdem sauber

Von Shibuya geht es nach Shinjuku, wo die Verwaltung der 23 Distrikte sitzt. Keiner der Passagiere sagt einen Mucks. Shinjuku ist der geschäftigste Bahnhof der Welt. Man ist eine Viertelstunde zu Fuß unterwegs, um von A nach B zu kommen. Aber auch hier ist es verblüffend leise. Die Luft ist beinahe frisch. Gerangel gibt es nicht.

Draußen residiert die Metropolregierung in einem Zwillingsturm. Weit oben wartet Naoki Takiya, Mitarbeiter in der städtischen Planungsabteilung. Herr Takiya, warum sind Tokios Straßen nicht verstopft? Wieso ist es hier so sauber? Der Herr lächelt. "Fangen wir mit dem Müllproblem an", sagt Takiya. "Pro Woche kommt die Müllabfuhr in der Regel dreimal. Wir teilen den Müll in drei Kategorien: recycelbar, brennbar, nicht brennbar. An jedem der drei Tage wird einer der Müllbeutel abgeholt." 5.700 Müllwagen touren dafür durch die Stadt.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 29 vom 7.7.2016.

Das ist gut, nicht nur weil der Abfall getrennt wird. Vor jeder Müllabfuhr liegt auch nicht gleich die Halde einer ganzen Woche. Doch die allgegenwärtige Sauberkeit ist nicht etwa nur von oben verordnet und organisiert. 1995, als Tokio von einem Giftgasanschlag in der U-Bahn erschüttert wurde, ließ die Regierung aus Sicherheitsgründen alle öffentlichen Mülleimer abmontieren. Eigentlich hätte die Stadt da umgehend zu einer vermüllten Metropole wie etwa London werden müssen. Tokio aber blieb sauber. "Wir tragen unseren Abfall in unseren Taschen und werfen ihn zu Hause weg", sagt Takiya und nickt bekräftigend. Falls mal jemand etwas fallen lässt, ist einer von 4.400 Straßenputzern zur Stelle.

"Wir verfolgen das Prinzip: Lieber viel Kleines als wenig Großes", sagt Takiya. Ob Müllabfuhr, Sicherheit oder Konsumangebot: Alle paar Straßen sind kleine Feuerwachen in den Erdgeschossen platziert, an der Ecke jedes Häuserblocks befindet sich ein Mini-Supermarkt, der die Haushalte der Nachbarschaft rund um die Uhr mit dem Nötigsten versorgt. Die Kunden kommen zu Fuß, die Läden sind nicht übermäßig voll.

In der größten Metropole der Welt hält der Nahverkehr Nachtruhe

Vielerorts sieht die Megametropole Tokio nach Kleinstadt aus. © Alexander Krex/Zeit Online

Ich werfe einen Blick vom schwindelnd hohen Verwaltungsturm in Shinjuku durch dessen Glaswände bis zum Horizont: nur Häuser und Türme, dazwischen Verkehr. Die Mehrzahl der Menschen nutzt die Bahn, nicht das Auto. Und 60 Prozent der Autos, die fahren, transportieren Güter statt Personen. Auch Naoki Takiya, der Beamte von der Abfallentsorgung, pendelt mit dem Zug zur Arbeit. "Morgens ist es zwar ziemlich voll", sagt er am Fahrstuhl zum Abschied. "Aber es ist der schnellste Weg."

Tatsächlich ist das Bahnnetzwerk extrem dicht, die nächste Haltestelle nie mehr als einen Kilometer entfernt. Wer dennoch Auto fährt, bewegt sich mit durchschnittlich 18 Stundenkilometern über den Asphalt, ähnlich wie in Berlin – und mehr als viermal so schnell wie in Mexiko-Stadt. Tokioter Autofahrer sind ganz außerordentlich vorsichtig, bremsen bei jedem potenziellen Hindernis, schalten gern mal in den ersten Gang herunter. Die Stadt ist einer der sichersten Orte für Verkehrsteilnehmer. Im Jahr 2014 wurden 172 Verkehrstote gezählt. In New York waren es im selben Jahr, relativ zur Bevölkerungszahl, fast dreimal, in Moskau gut fünfmal so viele.

Das Jetsetter-Magazin Monocle nennt Tokio die "most livable city" unter allen. Nach einer Umfrage des Reiseportals TripAdvisor ist keine Stadt der Welt sauberer. Für Metropolen wie Bangkok, Delhi, Jakarta, aber auch für das ultramoderne südkoreanische Seoul und den Stadtstaat Singapur ist Tokio Vorbild. Von dort kommen Beamte zur Schulung nach Japan, um "Megacity" zu lernen. Was aber ist auf andere Städte übertragbar?

"Halten Sie sich bitte fest", mahnt eine hohe Stimme, die irgendwie aus der Rolltreppe zu mir spricht. Am Bahnsteig warnen Lautsprecheransagen wiederholt: "Aufgepasst. Gefahr. Der Zug fährt ein." Dabei trennen Bahnsteig und Gleis Barrieren, die sich öffnen, wenn ein Zug hält. Ich will nach Ikebukuro. Das steht im Ruf, ein raues Viertel zu sein. Die Yakuza, die japanischen Mafiosi, sollen dort ihr Unwesen treiben. Chinesische Händler, so sagt man, leben hier nach ihren eigenen Gesetzen. Im Zug dahin bleibt es leise. An den Türen mahnen Schilder, nicht zu essen, das Telefon auf stumm zu schalten und den Blickkontakt mit anderen Fahrgästen zu meiden. "Danke, dass Sie Rücksicht nehmen!" Offenbar funktioniert das. Mich jedenfalls schaut niemand an.

Ein paar Gehminuten von der Station Ikebukuro entfernt liegt die Rikkyo-Universität. Halbseiden wirkt die Gegend gar nicht, mit ihren Backsteinbauten erinnert sie fast an die netteren Viertel von London. Der schlechte Ruf der Gegend ist offenbar relativ. Im Safe Cities Index des britischen Magazins The Economist, der unter anderem die Häufigkeit von Straftaten, vorbeugende Sicherheitsmaßnahmen und Programme für Cybersecurity einbezieht, landet Tokio unter allen Metropolen der Welt auf Platz eins. Auf Platz vier und fünf folgen mit Stockholm und Amsterdam die ersten europäischen Städte. Weit abgeschlagen sind zum Beispiel Frankfurt (Platz 20) und Paris (23).

Im Gebäude Nummer 12, im dritten Stock, wartet Yasushi Matsumoto in seinem Büro. Ich frage den Professor für urbane Soziologie: "Warum ist Tokio so sicher?" Der alte Herr, schütteres Haar, tiefe Augenhöhlen und im dunklen Anzug, der Uniform japanischer Büroarbeiter, beginnt mit einem tiefen Schnaufen. "Hmmmmm. Ich erinnere mich noch gut an die 1950er und 1960er Jahre, als die japanische Wirtschaft boomte. Damals quoll Tokio über und war auch nicht gerade sicher ..."

In den Nachkriegsjahren fuhr die Stadtregierung ihre erste Kampagne für öffentliche Sicherheit. "Trage kein Messer mit dir herum!", mahnten Plakate. Nachbarschaftsorganisationen wurden gefördert, die sich regelmäßig trafen, um die Probleme ihrer Häuserblocks anzugehen. Und viele kleine Polizeistationen wurden eingerichtet, von denen es heute über tausend gibt.

Tokioter nehmen Regeln ernster als die Menschen anderswo. "Hier ist es eben sehr voll, da ist Regelkonformität überlebenswichtig", meint Matsumoto. "Und anders als der individualistische Westen sind wir kollektivistisch orientiert." Der Kollektivismus, demzufolge die Gruppe vor dem Individuum kommt, sei auch deshalb so stark, weil sich Japaner als homogene Gesellschaft begreifen. "Hier sagen wir immer, wegen unserer gemeinsamen Herkunft haben alle Japaner dieselben Werte", sagt Matsumoto.

In der größten Metropole der Welt hält der Nahverkehr Nachtruhe

Städteforscher glauben, dass eine hohe soziale Homogenität zu mehr Regelkonformität führt. Tatsächlich ist Tokio eine der am wenigsten internationalen Weltstädte auf dem Planeten. Landesweit hat Japan einen Ausländeranteil von weniger als zwei Prozent, und auch in Tokio sind es nur gut drei Prozent. Zum Vergleich: In London und München leben jeweils um die 15 Prozent Ausländer. Die Japaner sind sich einig: So gibt es keine Kulturschocks, keine Missverständnisse, keine großen Probleme im Zusammenleben. Der Faktor macht Tokio zum Sonderfall.

Dazu kommt, dass auch Konformität nicht umsonst zu haben ist. Soziologe Matsumoto sagt, er glaube, "dass wir für unsere Homogenität einen Preis zahlen. Städte wie London, Berlin oder New York sind als globale Zentren für Wissen und Interkulturalität bekannt. Das zieht Intellektuelle an. Tokio dagegen ist geschmeidig, fleißig, konform, und manchmal denke ich mit Blick auf andere Metropolen: fast langweilig."

Zurück in der Ring-U-Bahn, zur Rushhour, da quillt der Zug tatsächlich so über, wie man es aus den Klischeebildern im Fernsehen kennt. Als die Zugtür sich nicht ganz schließen will, drückt mir ein Schaffner mit weißen Handschuhen so fest gegen meine Schultern, dass sich das Knäuel der Reisenden vor mir ein paar Zentimeter in den Waggon verschiebt. Die Tür geht zu. Trotzdem scheint mir auch in dieser Enge mein Atem, der die Türscheibe beschlägt, das lauteste Geräusch im Abteil zu sein. Wir fahren vorbei an Akihabara, dem Weltmittelpunkt für Comic-, Zeichentrick- und Unterhaltungselektronik-Fans. Kurz darauf passieren wir Ginza, wo das bekannteste Theater für die japanische Kabuki-Theaterkunst steht und wo die Ginza dori, Japans teuerste Shoppingmeile, jeden Luxus anbietet. Was an dieser Stadt langweilig sein soll, verstehe ich noch nicht.

Aussteigen in Shinbashi, einem Viertel im Südosten des Stadtzentrums, wohin es nach Feierabend Unzählige der Millionen Tokioter Büroarbeiter zieht. Hier zeigt sich mir eine andere Stadt. Oder ist es ein anderer Planet? Gelächter, Gebrüll, an einer Mauer unter einer Brücke kotzt jemand. "Feierabend!", ruft mir ein Anzugträger mit verrutschter Krawatte zu und schlägt mir auf den Rücken. Dann torkelt er mit seinen Kollegen in die nächste Bar beim Bahnhof um die Ecke.

Stunden später scheint die Anarchie auch in der Yamanote-Linie gesiegt zu haben. Ein Geschäftsmann liegt auf dem Boden, seine Kollegen lachen ihn aus. Kurz nach Mitternacht fährt die letzte Bahn. In der größten Stadt der Welt hält der Nahverkehr Nachtruhe: Das ist keine City, die niemals schläft!

Ist es eine Vorbildmetropole für die Welt? Nicht unbedingt, was all die kulturellen und soziologischen Eigenheiten der Japaner betrifft. Durchaus, wenn es darum geht, sich die reibungslose Organisation von Enge abzuschauen. Und auf jeden Fall für die Einsicht, dass sich große Aufgaben oft am besten im kleinen Maßstab bewältigen lassen.

In Shibuya, meinem Startbahnhof, steige ich auch wieder aus. Wo sich am Morgen im Minutentakt ameisengleich Menschenmassen über die Kreuzung bewegten, herrscht nun – Stille. Der Feierabend ist vorbei, die Nacht hat begonnen. Sogar der Exzess hält sich hier an den Takt des Tages, fügt sich in den Rhythmus der geschmeidigsten aller Metropolen. Die größte Stadt der Welt wurde ins Land der Träume geschickt – und schnarcht dabei nicht einmal.

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