In diesen Tagen sei es ganz einfach, die Türkei nicht zu mögen, schrieb eine Kollegin. Ein unberechenbarer Staatspräsident, immer wieder Terroranschläge, Gerüchte über erschossene Flüchtlinge an der Grenze, die ewige Kurdenfrage und die brutale Verfolgung von Journalisten. Der Wahnsinn ist Alltag in der Türkei, so scheint es jedenfalls. Doch gerade in diesen Tagen des Wahnsinns kann es auch ganz einfach sein, die Türkei zu mögen. Und mit den Menschen zu hoffen, die ihr Land nicht aufgeben wollen.

Sonntag, Istanbul. Wasserwerfer und Glitzerherzen

Als die Polizisten Görkem abführen, wirft er den umstehenden Fotografen Küsschen zu. Später postet Görkem ein Selfie, auf dem er aufreizend schaut: "Under arrest", hat er dazugeschrieben.

Zwei Tage zuvor sitzen Görkem und sein Mitbewohner Onur, der am Wochenende sein Geld als Dragqueen verdient, in ihrer Istanbuler Wohnung und empören sich über den Gouverneur, der die Pride-Parade verboten hat. Bei dieser Parade, die auf der ganzen Welt gefeiert wird, machen Schwule, Lesben und Transgendermenschen auf ihre Situation aufmerksam. Onur rollt mit den Augen: "Der Gouverneur weiß gar nicht, was die Pride ist. Der versteht das gar nicht." Görkem und das Organisationskomitee der Parade haben sogar beim Gouverneur vorgesprochen. "Wir sind nicht zu ihm gegangen, um ihn um Erlaubnis zu bitten, sondern um Schutz für unsere Demonstration zu fordern. Wenn dies hier eine halbwegs ernst zu nehmende Demokratie ist, was die Regierung ja sagt, dann muss sie uns schützen", sagt Görkem. Zur Antwort bekamen sie, dass die Behörde Sicherheitsbedenken habe und zudem eine "gesellschaftliche Empfindlichkeit" fürchte, weil die Parade in den Fastenmonat Ramadan falle. Das ist zwar schon mehrmals vorgekommen und war bisher kein Grund für eine Absage. Zumal die AKP-Regierung von Tayyip Erdoğan noch im vergangenen Jahr vor der Parlamentswahl in einer Broschüre ihre Modernität gepriesen hat: "Die Türkei ist ein Land, in dem die Istanbul Pride während des Ramadan stattfinden kann!" war darin zu lesen.

Onur ist genervt, von der Regierung. Und von den Fragen ausländischer Journalisten. "Wie ist es denn, in einem muslimischen Land schwul zu sein?" – "Herrje, wie soll das schon sein? Mehr nervt, dass sie einen hier nicht anständig bezahlen!"

Dort, wo in den vergangenen zehn Jahren die Pride-Parade immer wieder friedlich verlief und wo sie Görkem nun abgeführt haben, stehen Wasserwerfer und Polizeibusse. In einer Seitenstraße setzen die Beamten Tränengas ein, die Aktivisten laufen weg. Ihre Spuren aber bleiben: Glitzerherzen und Rosenblätter.

Montag, Istanbul. Ein Brief an Putin

Die politische Sensation des Tages ist, dass die Türkei ihre Beziehungen mit Russland und Israel wieder "normalisieren" will. Um die Beziehungen zu den beiden Ländern stand es seit einiger Zeit schlecht. Im Fall Russlands vor allem wegen des Bürgerkriegs in Syrien. Jetzt also die Annäherung – eine 180-Grad-Wende Erdoğans. Die Regierungsanhänger nennen das eine pragmatische Außenpolitik. Die Kritiker sprechen von einer Verzweiflungstat. Erdoğan habe sich in die Isolation taktiert, nun versuche er da wieder rauszukommen, irgendwie.

Der Weg raus beginnt mit einem Brief des türkischen Staatspräsidenten an den Kreml und endet mit politischer Wortklauberei. In dem Brief geht es um den Abschuss eines Kampfjets und den Tod zweier Piloten. Während das türkische Präsidialamt darauf beharrt, dass man nur sein "Bedauern" wegen des toten Piloten ausgedrückt habe, sagt der Kreml, in dem Schreiben habe das Wort "izvinite" gestanden, Entschuldigung auf Russisch. In den Sozialen Medien macht prompt ein zwei Jahre alter Tweet von Präsident Erdoğan die Runde, in dem er geschrieben hatte: "Die alte Türkei, die sich entschuldigt, ist Vergangenheit."

Dienstag, Diyarbakır. Der Vermittler wird zum Verfolgten

Etwa 1500 Kilometer von Istanbul entfernt in Diyarbakır, im Südosten der Türkei, erklärt Selahattin Demirtaş, dass er bis zum Ende Widerstand gegen die Regierung leisten werde. Demirtaş, 43 Jahre, dunkler Anzug, blasses Gesicht, ist Chef der prokurdischen HDP und Diyarbakır eine der Hochburgen seiner Partei. In der Region waren nach zwei Jahren Ruhe in den vergangenen Monaten Kämpfe wieder zwischen Anhängern der verbotenen "Arbeiterpartei Kurdistans", PKK, und den türkischen Sicherheitskräften ausgebrochen. Die PKK verübt Anschläge, der Staat antwortet mit aller Härte, Zivilisten, Soldaten und Militante sterben jeden Tag. Große Teile der Altstadt von Diyarbakır seien zerstört, so heißt es. Sie sind abgesperrt, weshalb man sich selbst kein Bild machen kann.