Dies ist gleichzeitig ein kleines und ein großes Buch. Es kommt ganz ohne Sprache aus und erzählt dennoch eine Geschichte von universaler Kraft, um die man viele Worte machen könnte. Eine Fassung würde dann vielleicht so gehen: Ein Mädchen in rotem Mäntelchen verliert sich in der Stadt. Es folgt seinem Vater vom Einkaufen nach Hause, doch während der Erwachsene telefoniert und keine Augen hat für das, was um ihn herum passiert, entdeckt die Tochter überall Blumen. An einem Laternenpfahl, in der Fuge zwischen zwei Gehwegplatten, auf einer Brücke, in einem Schaufenster.

Das Mädchen sieht die Blumen nicht nur, es pflückt sie auch und legt sie an anderer Stelle wieder ab. So erweckt es nach und nach seine Umwelt, die bis dahin noch grau und trist erschien, zum Leben.

Der kanadische Autor JonArno Lawson hat diese Geschichte mit seiner eigenen Tochter erlebt und beschlossen, daraus ein Bilderbuch zu machen, das auf die Magie des Augenblicks setzt. Gemeinsam mit dem Illustrator Sydney Smith hat er ein bezauberndes Bildermärchen geschaffen.

Smith entwirft eine graue Stadtkulisse, in der sich der Betrachter an die Fersen des Vater-Tochter-Gespanns heftet und ihm wie in einer Graphic Novel durch das Geschehen folgt. Mal steht ein einziges Bild auf einer Seite, mal zeigt der Künstler mehrere kleine Quadrate, mal zerlegt er eine Seite in drei Streifen. Immer ist das Mädchen mit dem roten Mantel der Anker, nach dem der Betrachter sucht, er sieht das leuchtende Rot mal von Nahem, mal von fern und wird so in jedem neuen Bild mit einer neuen Perspektive, mit einer neuen Sicht der Dinge beschenkt.

Wie beiläufig hingetuscht wirken diese Perspektiven, so als husche der Zeichner selbst nur kurz an der Szene vorbei und müsse gleich weiter – doch das ist eben nur der erste Eindruck. Wer sich die Mühe macht, genauer hinzuschauen, und das vielleicht noch ein zweites oder drittes Mal, der entdeckt die Katze im Schaufenster, die Frau mit dem gestreiften Mantel, den Schatten des Mädchens, als es über eine Pfütze hüpft.

Es sind die Details, die der Geschichte Leben einhauchen und die Blumensuche so echt erscheinen lassen, als wäre man selbst dabei. Erst auf den zweiten oder dritten Blick erschließt sich, dass sich in der einen großen Geschichte noch eine kleine verbirgt.

Hat das Mädchen nicht zu Beginn auf dem nackten Oberarm eines Mannes das Tattoo eines Vogels entdeckt? Und versteckt sich nicht fast auf jedem Bild ein Vogel? In einer Szene läuft das Mädchen dann an einem toten Vogel auf der Straße vorbei, kehrt um und legt Blumen auf seinen leblosen Körper, der im nächsten Bild gar nicht mehr so tot aussieht, sondern wieder ziemlich bunt und lebendig.

Man kann das kitschig finden, aber auch einfach schön, in jedem Fall wagen sich Autor und Illustrator ohne jegliche Angst vor Pathos an ihre Rotkäppchen-Saga. Furcht, dass das Ganze doch noch böse enden könnte und von irgendwoher ein Wolf auftaucht, muss hier niemand haben, mag sich das Mädchen auf seiner Suche nach den schönsten Blumen auch noch so tief in die Stadt hineinbegeben. Die Gewissheit, die das Buch auf jeder Seite und mit jedem Pinselstrich vermittelt, dass es einfach nur eine gute, eine schöne Geschichte erzählen möchte, ist seine große Stärke. Es erzählt von der heilenden Kraft, die ein Kind haben kann.

Als Vater und Tochter es nach Hause geschafft haben, ist die Stadt eine andere geworden. Einem Hund stecken Blumen im Halsband; ein schlafender Mann auf einer Parkbank wird sein Sträußchen später, wenn er aufgewacht ist, in seinem Schnürsenkel finden. Graue Wände gibt es nicht mehr, die Häuser haben Farben, ebenso wie die Kleidung der Menschen, die in ihnen wohnen, oder die Autos auf den Straßen. Das alles hat ein kleines Kind geschafft, das am Ende von seiner Mutter fest in den Arm genommen wird. (Ja, der Vater läuft telefonierend durch die Gegend, und die Mutter ist derweil mit den Geschwistern zu Hause. Das wirkt altmodisch, entspricht aber wohl immer noch der Lebenswirklichkeit ziemlich vieler Kinder.)

Die Geborgenheit einer Umarmung durch die Mutter oder einen Vater kennt jedes Kind, und vermutlich kann sich auch der ein oder andere erwachsene Betrachter noch ganz gut daran erinnern. Sonst hilft dieses Buch der Erinnerung auf die Sprünge – ganz still und ohne Worte.

JonArno Lawson/Sydney Smith: Überall Blumen. Ab 4 Jahren, Fischer Sauerländer 2016; 32 S., 14,99 €

LUCHS Nr. 354: Jeden Monat vergeben die ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 10. Juli stellte Radio Bremen das Buch bei Funkhaus Europa vor. Das Gespräch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/luchs.