Menschen können also die Umwelt doch nicht nur zerstören, wie man bislang immer dachte. Sie können ihre Zerstörungen auch wieder beseitigen, die Dinge wieder in Ordnung bringen. Denn nicht weniger steckt hinter der überraschenden Meldung, das Ozonloch schließe sich wieder. Die Schutzschicht um die Erde erholt sich langsam; bis Mitte dieses Jahrhunderts, vermuten amerikanische Forscher, könnte sie sogar wieder vollkommen intakt sein. Das ist die gute Nachricht dieser Tage, und es ist mehr als nur eine wissenschaftliche Sensation. Es ist ein politisches Signal: Mutige Entscheidungen können doch etwas bewirken. Und das bedeutet auch etwas für die nächste große Reparaturaufgabe, die nun ansteht – die Bekämpfung des Klimawandels.

Jahrzehntelang schien die Ozonschicht unaufhaltsam zu schrumpfen. Sie ist aber für das Leben auf der Erde unverzichtbar. 1987 reagierten die Regierungen weltweit und verabschiedeten gemeinsam das sogenannte Montreal-Protokoll, in dem sich die Staaten verpflichteten, fortan auf ozonzerstörende Chemikalien wie Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW) zu verzichten. Die Hersteller von Kühlschränken mussten von nun an neue Kühlmittel verwenden, und Kosmetikfirmen waren gezwungen, Haarsprays ohne die Treibgase FCKW zu entwickeln. Heute, fast 30 Jahre später, wirkt das Verbot.

Internationale Abkommen funktionieren, wenn mutige nationale Schritte folgen

Natürlich mischen sich in den Jubel auch Zweifel: War die Angst vor dem Ozonloch womöglich übertrieben? War alles bloß eine Ökohysterie? Es stimmt schon: Ursache und Wirkung lassen sich in der Natur nicht immer hundertprozentig beweisen. Es ist ja nicht einmal völlig sicher, dass der Lungenkrebs eines Kettenrauchers allein durch dessen Zigarettenkonsum ausgelöst wird. Die Tabakindustrie konnte in den USA mit diesem Argument jahrelang Prozesse gewinnen. Trotzdem finden die meisten Menschen es heute plausibel, dass Rauchen krank macht. Und ganz ähnlich ist es mit dem Ozonloch: Alles spricht dafür, dass die Treibgase FCKW die Schutzschicht der Erdatmosphäre geschädigt hat.

Was also lässt sich aus dieser Erfolgsgeschichte für den Kampf gegen den Klimawandel lernen? Die Erwärmung der Erde ist für die Menschen ähnlich lebensbedrohlich wie ein Loch in der Schutzschicht der Atmosphäre. Und wie bei den FCKW gibt es eine plausible Ursache: den weltweiten Ausstoß an CO₂. Genau deswegen haben sich 190 Regierungen im vergangenen Dezember in Paris zu gemeinsamem Handeln verpflichtet.

Auch die Bundesregierung war dabei, leider nur beherzigt sie die wichtigste Lehre der Ozongeschichte bisher nicht. Sie lautet: Internationale Umweltabkommen funktionieren nur, wenn ihnen mutige nationale Entscheidungen folgen. Wenn die Politik klare Ziele formuliert und sie auch gegen Widerstände durchsetzt. Wenn die Regierung kluge Gesetze schreibt und diese den Bürgern auch vernünftig erklärt.

Der Klimaschutzplan 2050, den die Umweltministerin gerade an ihre Kabinettskollegen verschickt hat, bleibt da erstaunlich vage. Er fordert keine neuen Maßnahmen, um den CO₂-Ausstoß noch in dieser Legislaturperiode so stark wie nötig zu reduzieren. Er enthält keinen konkreten Vorschlag, wie der Autoverkehr – der immerhin 18 Prozent des deutschen CO₂-Ausstoßes verursacht – noch vor der nächsten Wahl umgebaut werden könnte, sodass die Menschen mobil bleiben und umweltfreundlich unterwegs sind.

Die große Herausforderung einer solchen Verkehrswende liegt in der notwendigen Verhaltensänderung der Menschen – und das ist ein wesentlicher Unterschied zur Bekämpfung des Ozonlochs. Noch immer steht in jeder Küche ein Kühlschrank und in vielen Badezimmern ein Haarspray – nur eben ohne FCKW. Die Verkehrswende aber gelingt nur, wenn es neue, ganz andere Formen der Mobilität gibt. Strengere Grenzwerte für den CO₂-Ausstoß. Die gezielte Entwicklung neuer Autos. Und am Ende auch das Verbot klassischer Verbrennungsmotoren.

Das klingt fantastisch? Der amerikanische Ökopionier Amory Lovins hat die Wucht, mit der technologischer Wandel kommen kann, einmal am Beispiel der Osterparade auf der Fifth Avenue in New York beschrieben. Auf der fuhren im Jahr 1900 nur Pferdefuhrwerke, 1910 dann schon fast nur noch Autos. Bald fuhren die Autos überall. Weil der Staat erst Straßen baute – und irgendwann die Pferde in der Stadt verbot.

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