Vielleicht wäre das alles nicht passiert, wenn die Angeklagte keine gläubige Christin wäre. Wenn sie etwas weniger Begeisterung aufgebracht hätte für den Papst und seine gefährliche Idee, den Vatikan umzukrempeln. Dann säße Francesca Immacolata Chaouqui jetzt nicht im Gerichtssaal des Vatikans und müsste die Forderung der Staatsanwälte hören: drei Jahre und neun Monate Haft. Sie sei, so donnerten die Ankläger am Montag, die Hauptverantwortliche für den Verrat, den sie im Juristensprech "eine kriminelle Vereinigung zur Enthüllung von Dokumenten über fundamentale Interessen des Vatikanstaates" nennen. Alle anderen Italiener sagen dazu "VatiLeaks 2".

Sie kam mit ihrem neugeborenen Kind, eine Woche alt, zum Prozess. Der findet innerhalb der vatikanischen Mauern statt, im Palazzo der Gendarmerie, schräg gegenüber der Papstwohnung. Man geht an der Schweizergarde vorbei, auf der Kopfsteinpflasterstraße bis hinter den Petersdom. Rechts eine winzige Tankstelle. Links das Gästehaus Santa Marta, wo Papst Franziskus wohnt. Früher rief er sie auf dem Handy an, sie gehörte zu einer exklusiven Beratergruppe, die die Vatikanfinanzen durchleuchten sollte. Chaouqui kam von den renommierten Wirtschaftsprüfern Ernst & Young. Jetzt hat sie ewig nichts mehr vom Papst gehört.

"Ich fürchte mich wie nie zuvor", sagt Francesca Chaouqui am Montagabend und bittet die Reporter von der ZEIT: "Betet für mich." Vor drei Jahren, als sie noch neu im Vatikan war, sprach die junge Juristin, gebürtig aus einer armen Familie in Kalabrien, voller Begeisterung von ihrer Arbeit für Franziskus. Sie wolle der Kirche helfen. Sie bewundere den schlichten, humorvollen Papst. Dass er zu den Armen in die Slums gegangen sei. Dass er die Mafia kritisiere. Er sei, sagte sie damals der ZEIT, ein wahrer Mann Gottes.

Nun beteuert sie, unschuldig zu sein an der Weitergabe geheimer Vatikan-Dokumente. Der Skandaljournalist Gianluigi Nuzzi vom Corriere della Sera hatte die Papiere als Buch veröffentlicht, im letzten Herbst erschien Alles muss ans Licht; zeitgleich kam Nuzzis Kollege Emiliano Fittipaldi von L’Espresso mit dem Bestseller Geiz. Beide Herren sitzen jetzt als Mitangeklagte im Gerichtssaal. Doch für sie fordern die Staatsanwälte keine drakonischen Strafen: ein Jahr Haft auf Bewährung für Nuzzi und Freispruch mangels Beweisen für Fittipaldi.

Francesca Chaouqui fühlt sich verfolgt. Auf Facebook nennt sie den Prozess einen Rachefeldzug gegen ihre Person. Zur ZEIT sagt sie am vergangenen Montag: "Es ist ein Kampf mit ungleichen Waffen. Aber ich werde nichts zugeben, was ich nicht getan habe. Ich werde das Urteil hinnehmen als mein Golgatha!" Golgatha? Dort wurde Jesus gekreuzigt, und Chaouquis Formulierung lebt von genau der Art pathetischer Übertreibung, frommer Anmaßung und redseligem Leichtsinn, die ihr in der Kurie Feinde gemacht hat – von Anfang an. Denn das Direkte ist bei konservativen Mitarbeitern des Heiligen Stuhls verpönt. Sie können es zwar nicht ändern, wenn der neue Papst und seine lateinamerikanischen Vertrauten eine demonstrative Offenheit pflegen, die dem bisherigen kurialen Stil widerspricht. Aber Chaouqui mit ihrem generationstypischen Hang zum Twittern, Posten, Simsen bot sich an, demontiert zu werden.

Ist sie schuldig? Ihre Anwältin Laura Sgrò argumentiert am Dienstag, es gebe keinerlei stichhaltige Beweise, und plädiert auf Freispruch. Auf der Tribüne des holzgetäfelten Gerichtssaales sitzen vier Richter. Sie blicken auf fünf Angeklagte, außer Chaouqui und den beiden Journalisten noch ein Priester und sein Sekretär. Der spanische Pater Lucio Ángel Vallejo Balda gehörte zur selben Reformgruppe wie Chaouqui und hat gestanden, Papiere an die Presse gegeben zu haben – aber angestiftet von "ihr". Eines Nachts, so klagte er nach seiner Festnahme im vorigen Herbst, habe sie ihn gar verführt.

Die böse, sündige Frau! Die Verführerin! Gegen dieses alte Drohmotiv der christlichen Strafmoral half der hübschen Chaouqui (35) auch nicht, dass sie die Attacken von Balda (55) mit Hohn parierte: Wenn sie ihren Ehemann hätte betrügen wollen, dann gewiss nicht mit einem alten Mann des Zölibats! Diese freche Bemerkung brachte ihr nur neue Feinde ein.