Jetzt ist sie wieder besonders dick, die Berliner Luft. Offene Briefe fliegen hin und her. Vor zwei Wochen erst formulierte die Belegschaft der Volksbühne, sie wolle mit ihrem neuen Intendanten, Chris Dercon, am liebsten nichts zu tun haben. Es fehle dem bisherigen Leiter der Tate Modern das künstlerische Konzept, es drohten der Ausverkauf der Maßstäbe und die "Schleifung" von Identität. Auf diese Vorwürfe antworten nun berühmte Leute aus der Kunst-, Museums- und Architektenszene wie Okwui Enwezor (Haus der Kunst, München), Hans Ulrich Obrist (Serpentine Gallery, London), David Chipperfield, Rem Koolhaas, Kasper König und etliche andere. Es ist ein höchst seltener Schlagabtausch. Zwei Kulturen prallen mit voller Wucht aufeinander.

Die Dercon-Verteidiger meinen es natürlich gut. Sie wollen ihrem Freund beispringen, ihn stützen – und haben ihm, wie es aussieht, doch recht geschadet. Zumindest all jene, die schon immer wussten, dass er nichts von der Bühne verstehe und einzig in der glitzernd-globalen, von Sammler- und Mäzenatengeld aufgeblähten Kunstwelt beheimatet sei, dürfen sich aufs Schönste bestätigt fühlen. Denn wer hat unterschrieben? Kein Schauspieler, kein Theaterregisseur, kein Bühnenbildner.

Fast alle, die sich nun in dem auf Englisch abgefassten Brief an den Berliner Regierenden Bürgermeister Michael Müller wenden, können stolz sein auf ihre Weltläufigkeit, und doch ist vielen von ihnen die Welt abhandengekommen. Sie verbringen die Hälfte ihrer Tage im Flugzeug, unterwegs von einem Auftrag zur nächsten Ausstellung. Und egal, wo sie hinkommen, begegnet ihnen das eigene Milieu: kunstsinnig, wohlhabend, stets darauf bedacht, ganz vorn mit dabei zu sein.

Vor allem den vielen namhaften Kuratoren, die Dercon nun beschützen möchten, muss es seltsam anachronistisch vorkommen, wenn sich einige Theaterleute darauf versteifen, nicht global anschlussfähig sein zu wollen, nicht auf der Jagd nach dem nächsten Trend und dem jüngsten Star, sondern eigensinnig und hoffnungslos verliebt in die milieutypischen Idiosynkrasien.

Die meisten Großkuratoren pflegen ein robust pragmatisches Verhältnis zur Macht. Okwui Enwezor beispielsweise, für Dercon einer der wichtigsten Vertrauten, durfte im vorigen Jahr die Biennale in Venedig ausrichten, stimmte einen überaus kritischen, ja antikapitalistischen Grundton an – und fand offenkundig nichts dabei, dass zugleich diverse Luxusmarken im Umfeld beste Geschäfte machten. Kritik gehört zum Habitus der Jetset-Kunst dazu, und die wenigsten finden es bigott, sich von der globalisierten Neo-Aristokratie der Sammler und Händler aushalten zu lassen.

Nun ist Dercon nicht bekannt für höfische Unterwürfigkeit. Auch Zynismus wird man ihm nicht vorwerfen wollen. Doch ist die Kunstwelt von weit mehr Abhängigkeiten und Nebenabsichten bestimmt als die Theaterwelt. Nicht zuletzt deshalb, so hat er es oft erzählt, will Dercon ja die Welten wechseln: Er hofft auf neue Freiheit. Jetzt aber springen ihm die alten Freunde bei, man könnte auch sagen, sie halten ihn fest.

In ihrem Manifest steht, es gehe Dercons Gegnern gar nicht "um Jobs und um Verteidigung und Erhalt des Volksbühnen-Erbes; es geht auch nicht um Kunst und die unerschrockene Beschäftigung mit Ideen". Ihr brieflicher Widerstand gegen den Ausstellungsmacher zeuge vielmehr vom "Missbrauch des Privilegs des öffentlichen Dienstverhältnisses"; es gehe darum, "die Vision eines Einzelnen zu zerschlagen".

Irren wir uns, oder schwingt in dem Pro-Dercon-Brief auch das Ressentiment der international agierenden, vom Startum umflorten Künstler und Kuratoren gegen die provinziellen, vom Mantel der Subventionen gewärmten Berliner Höhleninsassen mit? Nicht ohne stilistische Herablassung werden jedenfalls Begriffe wie "excellence" ins Feld geführt, um die Bedeutung Chris Dercons für das künftige Theaterleben zu umreißen. Ist der Berliner Briefwechsel also das Dokument eines Kampfes um Geltung, der längst unter Künstlern selbst, unter Angehörigen verschiedener Kunstsparten ausgetragen wird?

Die Volksbühne, immer Avantgarde, wenn es um die Darstellung gesellschaftlicher Risse geht, ist nun der Schauplatz eines solchen Risses. Wir sehen ein exemplarisches Spektakel. Bleibt die Frage: Wie soll auf so einer Bühne noch Theater entstehen? Unter Dercon? Schwer vorstellbar.