Der Friedhof liegt etwas oberhalb von Wallenfels, auf einem Hügel am Rande der Gemeinde. In ordentlichen Reihen stehen die Grabsteine am Hang, wie Reben auf einem Weinberg. Es ist der höchste Punkt des Ortes, von hier aus sieht man die Häuser, die sich den Bach entlang durchs Tal winden, das Rathaus, die Tankstelle. Seit Jahrhunderten thronen die Toten von Wallenfels über dem Leben im Tal, Andrea G. konnte sie von ihrem Haus aus sehen. Doch sie bestattete ihre toten Kinder nicht auf dem Friedhof. Andrea G. wickelte die kleinen Körper in Tücher, verpackte sie in Plastiktüten und verstaute sie in einer stillgelegten Sauna in ihrem Haus.

Dreizehn Kinder hat Andrea G. zur Welt gebracht. Fünf leben, die letzten acht hat sie beseitigt. Mindestens vier Säuglinge soll sie direkt nach der Geburt umgebracht haben. Eines der Kinder wurde tot geboren, bei den anderen drei ließ sich die Todesursache nicht mehr feststellen – sie waren zu stark verwest. Am kommenden Dienstag beginnt vor dem Landgericht Coburg der Prozess gegen Andrea G. Es ist ein Fall, der über den Verstand geht, ein Fall, mit dem sich die 1. Große Strafkammer in den kommenden zwei Wochen beschäftigen muss. Nur fünf Verhandlungstage sind angesetzt, bereits am Mittwoch, dem 20. Juli, soll das Urteil gefällt werden. In den Vernehmungen hat Andrea G. die Taten gestanden.

Wallenfels liegt abgeschieden im nördlichen Oberfranken. Jeweils 45 Minuten sind es mit dem Auto nach Bayreuth, nach Coburg, zur Autobahn A 9. Knapp 2800 Menschen leben hier, man kennt sich. Die Bewohner von Wallenfels hatten es sich eingerichtet in ihrem Tal. Die Welt ist böse, das wussten sie schon, aber bei ihnen, glaubten sie, war sie in Ordnung.

Eine von ihnen, eine verheiratete Familienmutter, hat getötet, immer wieder. Danach hat sie weitergelebt, unter ihnen, als wäre nichts gewesen. Niemand will etwas bemerkt haben. Nicht die Nachbarn, nicht die Verwandten, nicht einmal ihr Ehemann, Johann G., 55, der Vater der toten Kinder. Wirklich?

An einem Donnerstag im November 2015 geht ein Notruf bei der Polizei ein, es ist 16 Uhr. Die älteste Tochter von Johann G., eines seiner Kinder aus erster Ehe, hat im Haus des Vaters die Überreste eines kleinen Menschen gefunden. Wenig später stehen Polizeiautos vor der Tür, ein Notarztwagen, die ersten Nachbarn. Die Beamten durchsuchen das Haus und finden acht tote Kinder. Das Haus steht mitten im Ortszentrum. Schnell spricht sich die unfassbare Neuigkeit herum. Leichenwagen fahren vor, auch Johann G. steht vor seinem Haus. "Was hat sie uns nur angetan?", soll er gesagt haben. Die Suche nach Andrea G. beginnt.

Gegen 23 Uhr laufen die ersten Meldungen im Radio. Andrea G. ist schon seit Wochen nicht mehr zu Hause gewesen. Das Ehepaar hatte sich im Spätsommer getrennt. Sie war ausgezogen, hatte ihre Familie zurückgelassen, die Schwiegermutter, den Mann, ihre Kinder, die drei lebenden und die acht toten, und war mit ihrem neuen Partner durch das Umland gezogen. Sie hatte in Pensionen übernachtet, als Kellnerin gejobbt, die Zeche geprellt. An diesem Donnerstag übernachtet sie in einer Pension in Kronach, keine 20 Kilometer von Wallenfels entfernt.

Am Morgen kommen die Übertragungswagen, Fernsehteams berichten live, Journalisten befragen Nachbarn und Angehörige. Plötzlich kennt das ganze Land den kleinen Ort. Und die Bewohner sollen erklären, wie passieren konnte, was passiert ist. Dabei fragen sie es sich doch selbst.

Die Journalisten kommen wie eine Heuschreckenplage über das Dorf. Auf der oft scheinheiligen Suche nach dem Warum gibt sich einer von ihnen als jemand anderes aus und betrinkt sich mit Anwohnern in der Kneipe, um an Informationen zu gelangen. Einige Reporter bieten Geld. Andere bedrängen Nachbarn. Einzelne Anwohner nutzen die Aufmerksamkeit, um alte Rechnungen zu begleichen. Spekulationen werden veröffentlicht: Waren die acht Kinder von anderen Männern? Waren Schulden der Grund für die Morde? Hatte Andrea G. nicht betrunken von Leichen im Keller gesprochen? Für keine der Behauptungen gibt es Belege. In der Welt sind sie trotzdem.

Als die Reporter weg sind, fühlen sich die Wallenfelser, als hätte jemand ihr Dorf niedergebrannt. Es ist ein Gefühl, das die Bewohner eines jeden Ortes nach einer Katastrophe beschreiben können: dass mit den Journalisten die nächste Katastrophe kommt. Montabaur als Heimatort des Germanwings-Piloten Andreas L., Winnenden als Tatort des Amoklaufs von Tim K.: Ortsnamen als Chiffren für das Grauen. Und nirgends ein geschützter Raum. Alle Trauer, alle Wut, jeder noch so unbedachte Kommentar: Alles wird ausgeschlachtet, alles ist live.

In ihrer Pension in Kronach sieht Andrea G. im Fernsehen die ersten Berichte. Es ist eine unscheinbare, dunkle Unterkunft in einer ruhigen Straße mit Einfamilienhäusern und Jägerzäunen. Wenn sie hätte fliehen wollen, hätte es bessere Orte gegeben, um sich zu verstecken. Das sei sie da im Fernsehen, soll sie zu ihrem Partner gesagt haben. Als er versteht, macht er sich auf und geht. Seine Freundin lässt er zurück. Wenig später wird er am Bahnhof von Kronach festgenommen. Es dauert nicht mehr lange, und auch Andrea G. wird von der Polizei gefunden. Es ist Freitagabend, sie ist erleichtert. Es sei gut, dass es vorbei ist, soll sie laut Zeugen gesagt haben.