Es ist die Entdeckung des Jahres. Man nimmt dieses Buch in die Hand, ah, der kleine Arche Verlag, schön, blättert, beginnt zu lesen, eine dieser Kurzgeschichten der vor wenigen Jahren verstorbenen Autorin Lucia Berlin, und – Augenaufreißen. Kann man so erzählen? So etwas? Wie in dieser Erzählung, es ist die zweite in diesem Band, in der ein alter Mann seine Enkelin zwingt, ihm dabei zu assistieren, alle seine Zähne zu ziehen? Der Alte ist selber Zahnarzt, Dr. H. A. Moynihan, er ist der Großvater des Mädchens, das erwachsen geworden auf diese irre Episode zurückblickt, in der der Alte es zwingt, die Zange in die Hand zu nehmen. Dann Knirschen, das Glucksen von Whiskey, sein grelles Lachen, "er wurde bewusstlos, seine Lippen schlossen sich wie weiße Muschelschalen".

Wie der alte Mann auf sie, das Kind, fällt. Wie sie versucht, den Zahnarztstuhl mit dem Fußpedal herunterzupumpen, und das falsche Pedal erwischt und der Stuhl sich zu drehen beginnt und das Blut im Kreis spritzt.

Alles so krass. Fast Slapstick. Die Geschichte berührt eine Schmerzgrenze, nicht nur die des alten Mannes, der als skurriles Ekel rüberkommt, es ist die gradlinige Tapferkeit des Kindes, die einen fertigmacht. Es wird erzählt in einer Sprache, die erst fast nüchtern daherkommt, dann aber unerwartet aufblüht in Bildern, die wie Tiere aus dem Gebüsch springen. Erzählt wird in einem Spannungsbogen, in dem alles und noch viel mehr möglich ist. Wer Lucia Berlin liest, versteht schnell, niemand ist geschützt in dieser Welt, aus der sie berichtet, ihre Figuren nicht, die Leser nicht und auch sie selber nicht, die Autorin. Geboren 1936 in die Familie eines Bergbauingenieurs in Alaska. Eine Kindheit zwischen den Minenstädten des amerikanischen Kontinents. Erfahrungen emotionaler und psychischer Unbehaustheit.

Die Familie mäandert von den Rocky Mountains nach Texas und rüber nach Chile und zurück nach New Mexico. In Chile kurzes Eintunken in das Leben der Oberschicht. Die Eltern trennen sich. Die Mutter ist jetzt allein mit den Kindern. Missbrauch durch den Großvater. Die Mutter schaut weg, sie trinkt. Auch Lucia Berlins Beziehungen werden scheitern. Drei Scheidungen. Sie wird, wie ihre Mutter, alleinerziehend sein. Vier Kinder. Auch sie trinkt. Die Autorin hatte, mit 24 Jahren, 1960 ihre erste Geschichte veröffentlicht, aber dann wird sie zwei Jahrzehnte lang gar nicht schreiben.

Berlin beißt sich so durch, als Krankenschwester, als Putzfrau, als Lehrerin, als Telefonistin einer Abtreibungsklinik, sie lernt Obdachlosenunterkünfte und Entzugskliniken von innen kennen. Es gibt nur wenige Autoren, deren Blick gewaltsam so weit aufgezogen wurde. Sie mäandert wie ihre Eltern durch die Welt, lebt in New York, in Mexiko, in Kalifornien, zuletzt als Literaturdozentin in Colorado. Und irgendwann also weitere Erzählungen, es werden sechs Bände mit Geschichten, und als die Autorin 2004 stirbt, gibt es doch einen kleinen Kreis von Intellektuellen, die erkannt haben, dass diese Geschichten von Lucia Berlin mit zu den besten der angelsächsischen Literatur gehören, in der Alice Munro oder Grace Paley oder John Cheever, Dorothy Parker, Truman Capote das Genre Erzählung doch schon zur Perfektion getrieben haben.

Raymond Carver, selber virtuoser Erzähler, ist Berlin-Aficionado. John Williams, Autor von Stoner (auch ein Buch, das 50 Jahre brauchte, um bemerkt zu werden). Die brillante Lydia Davis, die das Erzählen in seiner knappsten Variante funkelnd neu belebt hat, ist die Entdeckerin dieses vom Literaturbetrieb zunächst überspülten Schatzes. Von Davis stammt die Beobachtung, dass die Texte von Lucia Berlin eine gefährliche Aufladung haben – "sie sirren und knistern, wie wenn sich die Stromleitungen berühren", schreibt Davis im Vorwort einer Lucia-Berlin-Anthologie, mit der die Autorin im vergangenen Jahr neu entdeckt wurde. Bestsellerliste der New York Times! Posthume Ehrungen der Autorin. Übersetzungen ins Französische, Spanische, Kroatische, Chinesische, Rumänische, Portugiesische, Türkische. Es gibt jetzt sogar eine Facebook-Seite von Lucia Berlin und einen Twitter-Account.

Die Auswahl der nun auf Deutsch vorliegenden 43 Geschichten wurde von der Autorin Antje Rávic Strubel aus einem Korpus von 76 Stories gepflückt und übersetzt, sie folgt weitgehend der amerikanischen Anthologie von 2015 – leider versäumen es beide Editionen, durchsichtig zu machen, in welcher Zusammenstellung die Autorin selber ihre Texte präsentierte. Die deutsche Ausgabe enthält auch nicht den Text, den Joyce Carol Oates in ihrer jubelnden Besprechung in der New York TimesBook Review als Schlüsseltext bezeichnet, Point of View, in dem Berlin eine Schriftstellerin über die Kunst des Schreibens sprechen lässt. Wie wichtig Tschechow ist. Wie schwierig, das Banale des Lebens einzufangen, ohne selber banal zu sein. Etwa die Beschreibung der Leere eines Sonntags, die nicht anöden darf. Leider enthält der Arche-Band auch nicht die Einführung von Lydia Davis, die als Flaubert-Übersetzerin in den Geschichten von Berlin das "flaubertsche Detail" bewundernd hervorhebt, die sinnliche Qualität der Beobachtung. Die Offenheit für unerwartete Volten.

Etwa wie in einer der kürzesten Geschichten, Makadam. Nicht mal eine Seite lang. Ein Mädchen sitzt mit der Großmutter auf einer Veranda und blickt auf die Straße herunter, die von einem Sträflingstrupp mit Schotter befestigt wird. Das Kind cruncht auf dem Eis seiner Limo herum, die Häftlinge stampfen – "Die Ketten klirrten, der Schotter klang wie Applaus", heißt es in einer der Berlinschen überraschenden Wendungen. Damit nicht genug. Zu der Soundkulisse von Klirren und Stampfen und Eisknurbscheln kommt das Murmeln des Wortes "Makadam", das die Großmutter und ihre Tochter und deren Tochter wie ein Mantra vor sich hin kauen, als könne es den Staub, den Dreck, die Hoffnungslosigkeit ihrer Existenz bannen. Dann der letzte Satz: "Ich sagte Makadam immer laut zu mir selbst, weil es klang wie der Name eines Freundes." Einsamkeit ist der Fluchtpunkt der Erzählung. Wie ein spitz zulaufendes Dreieck führt sie auf ihr Thema zu und spießt es auf – die Verlorenheit des Kindes. Das Suchen nach einem Hafen, das Festhalten an der Sehnsucht, der tapfere Glaube, dass es doch eine Erlösung von der Einsamkeit gibt. Alles very Berlin.

Das Einsamkeits-Motiv gibt es in vielen Variationen. In einer Geschichte begegnet man einem Mädchen, das so einsam ist, dass es verstummt. Und eine Freundin findet – und sie verliert. In einer anderen Geschichte ist es ein Onkel, der in den trostlosen Haushalt zurückkommt, um das Mädchen zu retten – und der dann wieder fortdriftet. Ehemänner, die geliebt werden, gehen verloren. Eine Schwester, nach einem Zerwürfnis wiedergefunden – ist todkrank und schon auf dem Weg aus diesem Leben hinaus. Es ist eine Fülle von Personal, das hier auftaucht, offensichtlich Fundstücke eines weit geschweiften Lebens. Aber darauf kommt es nicht wirklich an, viel interessanter ist, wie Berlin diesen Menschen in ihren Erzählungen zum Auftritt verhilft. Behutsam. Fast sanft. Ohne jeden sozialpädagogisch motivierten Eifer. Lucia Berlin hat ihn einfach durch Humor ersetzt.

Die Stories driften gelegentlich ins Surreale, weil die Figuren, deren Herz und Mut größer sind als ihre Vorsicht, dazu neigen, sich unerschrocken Abenteuern hinzugeben. Etwa so wie in der Geschichte B.F., die Berlins letzte Geschichte war (und es in diesem Band leider nicht ist): Es klingelt, und ein Klempner steht vor der Tür. Verwahrloster Typ. Alkohol ausdünstend. Brabbelnd steht er vor der Ich-Erzählerin, und sie, die man wohl wie die vielen anderen Ich-Erzählerinnen der Stories mit der Autorin assoziieren mag: "Er hatte himmelblaue blutunterlaufene Augen, die lächelten. Ich mochte ihn sofort." Da – das Unerwartete. Man muss auch diese Autorin einfach mögen.

Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe.
Stories; aus dem Englischen von Antje Rávic Strubel; Arche Verlag, Zürich 2016; 384 S., 22,99 €