Seit einer Stunde ist Halina nicht mehr schwanger. Sie hat den Eingriff nicht einmal bemerkt, sie war unter Vollnarkose, nach zehn Minuten war die Operation vorbei. Jetzt liegt sie im Krankenhausbett in Prenzlau, ihr Ehemann hat seine Hände auf ihren Oberschenkel gelegt, ihre Haare hat Halina schon wieder zu einem ordentlichen Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Sonne scheint in das Zimmer. Ab und zu streicht Halina beiläufig über ihren Bauch. Nur noch das Armband am Handgelenk mit Halinas Patientencode zeugt von der Abtreibung.

Zehn Minuten Operation, das klingt nach einem kleinen Eingriff, aber nach den Regeln ihres Heimatlands Polen hat Halina gerade einen Mord zugelassen. Deswegen ist sie nach Brandenburg gekommen, es war ein Ausflug, um legal abzutreiben. Im Zweibettzimmer liegt neben Halina, die ihren richtigen Namen nicht öffentlich machen möchte, eine weitere Frau aus Polen, auch sie ist mit ihrem Mann angereist, um sich im Nachbarland endgültig gegen das Kind zu entscheiden.

Die Reisen abtreibungswilliger Polinnen nach Deutschland sind mittlerweile ein eigener Tourismuszweig. Jedes Jahr kommen Hunderte Frauen über die Grenze, weil ungewollt Schwangere in Polen keine Hilfe erhalten. Zwar ist auch in Deutschland ein Schwangerschaftsabbruch aus persönlichen Gründen rechtswidrig, aber er bleibt in den ersten zwölf Wochen straffrei, wenn sich die Frau vorher beraten lässt. In Polen ist eine Abtreibung nur in drei Ausnahmefällen erlaubt: wenn die Frau zu sterben droht, wenn der Fötus irreparabel geschädigt ist oder wenn die Frau vergewaltigt wurde. In allen anderen Fällen gelten Frauen, die abtreiben wollen, als kaltherzige Mörderinnen. Die dreißigjährige Halina aber passt nicht in dieses Bild. Sie arbeitet als Grundschullehrerin in Zentralpolen und hat schon drei Kinder. Während der letzten Schwangerschaft hatte sie starke Schmerzen und Sehprobleme, sie wollte das nicht noch einmal durchmachen. Für den polnischen Gesetzgeber sind diese Probleme nichtig, genauso wie ein geplatztes Kondom oder zu wenig Geld, um ein Kind großzuziehen.

Geht es nach den Abtreibungsgegnern, soll das jetzige Gesetz, obgleich es eines der restriktivsten in Europa ist, sogar noch weiter verschärft werden. Wenn Halina in Polen durch die Straßen geht, sieht sie an vielen Ecken die Stände der Bürgerinitiative Fundacja PRO – Prawo do życia (Recht auf Leben). An einem Nachmittag im Juni stehen die Abtreibungsgegner im Süden Warschaus unweit der Metrostation Wilanowska. "Eine Abtreibung ist ein grausamer Mord, unterschreiben Sie für das Leben!", dröhnt eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher. Ein meterhohes Transparent zeigt ein totes, völlig blutverschmiertes Neugeborenes. So sehen der Initiative zufolge Abtreibungen aus. Auf zwei Tischen liegen Unterschriftenlisten und die gelben Aufkleber der Initiative, ein rotes Baby, noch mit Nabelschnur, bittet darauf: "Rette mich." Fast im Minutentakt setzen Passanten ihre Unterschrift auf die Listen. Sie sind für den verschärften Gesetzentwurf, der gar keine Ausnahme mehr duldet: Frauen, die vergewaltigt wurden, sollen das Kind ihres Peinigers großziehen. Selbst wenn das Baby nur wenige Minuten überlebensfähig wäre, muss die Mutter es neun Monate in sich tragen. Sollte das Leben der Frau gefährdet sein, dürfe der Arzt zwar eingreifen, aber auch in diesem Fall steht das Wohl des ungeborenen Kindes über allem. "Eine Abtreibung ist auf jeden Fall ein Mord", sagt Mariusz Dzierżawski, ein Gründer der Initiative. Er will Frauen, die abtreiben, bis zu fünf Jahre ins Gefängnis stecken. Es ist nicht Mariusz Dzierżawskis erster Versuch, das Gesetz zu ändern. Aber noch nie standen die Chancen so gut wie jetzt.

Am 5. Juli hat die Initiative dem polnischen Parlament 450.000 Unterschriften übergeben – mehr als viermal so viele, wie mindestens nötig gewesen wären, damit die Abgeordneten den Vorschlag diskutieren. Schon im Vorfeld gab es viel Zuspruch. Die katholische Kirche in Polen ließ ihre Priester Anfang April in den Gottesdiensten einen Hirtenbrief verlesen, in dem sie das Abtreibungsverbot forderte. Auch Ministerpräsidentin Beata Szydło und der Chef der Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS), Jarosław Kaczyński, unterstützten die Kampagne. Es ist ein Zugeständnis an ihre konservativen Wähler.

Die aufgeladene Stimmung reicht bis in die Sprechzimmer der Praxen. Wenn eine Frau abtreiben möchte, beginnt für sie ein Spießrutenlauf. Selbst wenn einer der wenigen Ausnahmefälle gilt, wird sie es schwer haben, einen Arzt zu finden: Immer mehr Ärzte und Medizinstudenten unterschreiben eine Gewissensklausel und verpflichten sich damit, keine Abtreibungen und künstlichen Befruchtungen durchzuführen und keine Verhütungsmittel zu verschreiben. Mitunter verweigern Gynäkologen sogar das bloße Informationsgespräch über einen Abbruch, weil sie fürchten, als Abtreibungshelfer angeklagt zu werden. Geschichten über die Ablehnung der Ärzte gibt es zuhauf. In manchen Krankenhäusern wird eine Untersuchung nach der anderen verlangt, bis die Frist für eine legale Abtreibung verstrichen ist.

Erst 1993 trat das jetzige Gesetz über "Familienplanung, Schutz des menschlichen Fötus und Bedingungen für erlaubte Abtreibung" in Kraft, es war ein Geschenk der Solidarność-Bewegung an den damaligen Papst Johannes Paul II. als Dank für seine Unterstützung im Transformationsprozess und um sich weitere Hilfen der Kirche zu sichern. Auch die Schulbildung ist seither stark kirchlich geprägt, was Aktivistinnen zufolge dazu führt, dass viele junge Polen konservativer sind als ihre Eltern. Die Aufklärungsarbeit vernachlässigt der Staat. Auf Halinas Stundenplan fehlte in ihrer Schulzeit Sexualkunde – die gibt es in Polens Schulen nur, wenn sich Eltern, Lehrer oder Nichtregierungsorganisationen engagieren. Das staatliche Fach "Vorbereitung auf das Familienleben" wird häufig von Priestern unterrichtet, die lieber vor Homosexualität warnen als vor ungeschütztem Geschlechtsverkehr. Die polnische Frauenorganisation Federa schätzt, dass auch wegen der fehlenden Aufklärung jedes Jahr 100.000 polnische Frauen ungewollt schwanger werden und illegal abtreiben. Zum Vergleich: In Deutschland gab es im vergangenen Jahr rund 99.200 Abtreibungen, allerdings bei mehr als doppelt so vielen Einwohnern.