Peter James Witchalls hat schon das, wovon viele Briten gerade träumen: die deutsche Staatsbürgerschaft. Der Dozent am Sprachenzentrum der Universität Hamburg profitiert jetzt davon, dass ihn die Angst vor den Folgen des Brexits früher gepackt hat als seine Landsleute.

Seit dem Referendum suchen Tausende Briten nach Wegen, mit einem zweiten Pass in der Europäischen Union zu bleiben, wo sie bisher überall arbeiten und beliebig herumreisen können. Sie suchen im Internet nach Tipps, laut Google hat sich die Zahl der Anfragen nach "doppelter Staatsbürgerschaft" in Großbritannien seit dem Brexit verfünffacht. Sie fluten die irischen Behörden mit Einbürgerungsanträgen, weil sie hoffen, den begehrten EU-Pass beim kleinen Nachbarn am einfachsten zu erlangen. Die britische Presse warnt bereits vor dem Braindrain: dem Exodus junger, talentierter Studenten, die mehrheitlich gegen den Brexit waren.

Großbritannien droht der Aderlass – und in der EU freut man sich: Italiens Ministerpräsident Matteo Renzi möchte den Insulanern die Einbürgerung erleichtern. Und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel stellt in Deutschland arbeitenden jungen Exilbriten öffentlichkeitswirksam die doppelte Staatsbürgerschaft in Aussicht.

Peter James Witchalls kam schon vergangenes Jahr ins Grübeln: als David Cameron mit seiner Ankündigung eines Referendums über den EU-Verbleib die Wahlen gewann. Witchalls lebte und arbeitete da bereits 14 Jahre lang in Hamburg. Was würde aus ihm und seiner Stelle werden, wenn der Ernstfall tatsächlich einträte? "Ich wollte nicht, dass ich durch den Brexit plötzlich Probleme bekomme, wenn ich eine Aufenthaltsgenehmigung oder eine Arbeitserlaubnis brauche", erzählt der 46-Jährige. Also suchte er Geburtsurkunde, Arbeitsvertrag, Promotionszeugnis zusammen und stellte einen Antrag auf Einbürgerung. Ein halbes Jahr später war es so weit.

Jetzt machen es ihm viele Exilbriten nach. Sie stürmen Einwohnermeldeämter, suchen Rat, stellen Anträge. Allein in Hamburg leben 4.200 Briten. Jennifer Lachman etwa, die auf der Insel geboren wurde und als Dreijährige nach Deutschland kam. Nun arbeitet sie als Chefredakteurin beim sozialen Netzwerk Xing – und beantragt den deutschen Pass. "Ich will mich absichern", sagt sie.

Besonders hoch ist die Nachfrage in Frankfurt am Main. Normalerweise bekommt das zuständige Standesamt nur ein, zwei Anfragen am Tag von Briten, die Deutsche werden wollen. Seit dem Brexit hat sich das vervielfacht. "Zum Teil hatten wir 50 Beratungsgespräche an einem Tag", sagt Amtsleiterin Andrea Hart. Bis zum Juni gingen 29 Anträge auf Einbürgerung ein, mehr als im gesamten Jahr 2015.

Einige Briten in Frankfurt sorgen sich gar, wie lange sie noch bei ihrem Arbeitgeber bleiben können, allen voran die rund 160 britischen Angestellten der Europäischen Zentralbank (EZB). Denn internen Regelungen zufolge dürfen nur EU-Bürger bei der EZB arbeiten. Zwar hat die EZB erst einmal beruhigt und darauf hingewiesen, dass bestehende Verträge weiter gelten. Doch Angestellte mit befristeten Arbeitsverhältnissen wissen zurzeit nicht, ob sie auch nach dem tatsächlichen Austritt Großbritanniens noch einen neuen Kontrakt bekommen. Ein deutscher Pass könnte ihnen also den Job retten.

Für viele hier lebende Briten dürfte er leicht zu haben sein. Peter James Witchalls etwa war nur dreimal beim Amt, um Anträge auszufüllen, Zeugnisse und einen bestandenen Deutschtest nachzureichen. Eine Leichtigkeit war für ihn der Einbürgerungstest. Mit ihm fragen die Behörden Kenntnisse über die Rechts- und Gesellschaftsordnung in Deutschland ab. EU-Bürger müssen dazu seit mindestens acht Jahren in Deutschland leben, für ihren Unterhalt selbst aufkommen können, ausreichend Deutsch sprechen, sich schriftlich zu der freiheitlich-demokratischen Grundordnung des Grundgesetzes bekennen und dürfen keine schwerwiegenden Vorstrafen haben. Erfüllen Antragsteller diese Voraussetzungen, haben sie einen Anspruch auf die Einbürgerung. EU-Bürger dürfen sogar ihre bisherige Staatsangehörigkeit beibehalten. So wie Witchalls.

Auch deutsche Vorfahren können helfen, einen deutschen Pass zu bekommen – allerdings nicht immer. "Mein Vater ist Engländer, aber meine Mutter ist Deutsche und kam 1960 nach Großbritannien, wo ich 1970 geboren wurde", schreibt ein Nutzer mit dem Pseudonym "Seasideman" im Online-Forum BritishExpats.com. "Kann ich eine doppelte Staatsbürgerschaft kriegen?" Es folgt eine rege Diskussion, Nutzer schicken einander Links zur Website der deutschen Botschaft in London, und am Ende ist klar: Für Seasideman gibt es keinen Weg, mit einem deutschen Pass in der EU zu bleiben, weil seine Mutter schon kurz nach seiner Geburt eine entsprechende Erklärung hätte abgeben müssen. Die Regeln des Staatsbürgerschaftsrechts sind kompliziert, wie zahllose Briten gerade leidvoll erfahren müssen.

Andere Länder machen es ihnen mitunter leichter. Steven Laycock etwa, der in Brüssel lebt, hat bald vielleicht sogar drei Pässe. Der 57-jährige Brite sammelt seine Unterlagen sowohl für die belgische als auch für die irische Ausländerbehörde zusammen. "Ich habe Ahnenforschung bisher nur als Hobby betrieben", sagt Laycock, "jetzt wird es lebensnotwendig." Denn wessen Eltern oder Großeltern in Irland geboren wurden, kann irischer Staatsbürger werden – egal, ob er in Irland lebt oder nicht. Und so sucht Laycock nun eifrig nach der Geburtsurkunde seiner Großmutter.

Am Montag nach dem Brexit-Referendum gingen bei den irischen Behörden über 4.000 Anträge auf die irische Staatsangehörigkeit ein. Sonst sind es 200 täglich. Der zuständige Minister appellierte schon an die Briten, vorerst von weiteren Anträgen abzusehen, um die Ämter nicht zu überlasten.

Laycock wollte trotzdem nicht warten. Der promovierte Astrophysiker hat eine eigene Unternehmensberatung und lebt seit 27 Jahren in Brüssel. Er will, dass das so bleibt.

Ebenso wie Laycock ist auch Peter James Witchalls enttäuscht vom Ausgang des Referendums. Aber die britische Staatsangehörigkeit aufgeben? Damit täten sich beide schwer. "Ohne englischen Pass würde die Queen nicht mehr ihre schützende Hand über mich halten", sagt Witchalls. "Deutschland ist mein Zuhause, aber England bleibt meine Heimat."

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