Richard Schröder wohnt in einer Doppelhaushälfte am Rande Berlins. Auf der Terrasse steht eine Queen-Elizabeth-Figur, daneben eine Marienstatue aus Holz. Wiederum daneben hängt eine Armbrust an der Wand. Mit der könne man Menschen töten, sagt Richard Schröder, eine richtige Waffe sei das. Er nutzt sie manchmal, um mit den Enkeln auf eine Zielscheibe im Garten zu schießen. Als älterer Herr liebt Richard Schröder es, in der Sonne zu sitzen, während ein Kater sich an seinen Beinen reibt. Da heute Besuch kommt, hat er Kaffee gekocht. Es gibt italienische Plätzchen und ein Buch über Margot Honecker als Gastgeschenk für die Reporter.

DIE ZEIT: Herr Schröder, Sie waren in den siebziger Jahren Pfarrer in der ostdeutschen Provinz, in Wiederstedt im Harz. Was hat Sie dorthin verschlagen?

Richard Schröder: Ein Studienfreund hatte mir die Stelle empfohlen. Ich wollte es übersichtlich. Ich hatte eine gewisse Hemmung vor Großstädten, weil ich selbst in einer Kleinstadt aufgewachsen bin. Die dortigen Verhältnisse waren dann allerdings sehr übersichtlich.

ZEIT: Inwiefern?

Schröder: Das gottesdienstliche Leben war bescheiden. Wir waren vielleicht acht oder zehn Personen.

ZEIT: Ach Gott.

Schröder: Das Mannsfelder Land ist hochgradig entkirchlicht, schon aus der Zeit um 1919. Es gab bereits damals eine starke kommunistische Partei.

ZEIT: Wer kam denn da zu Ihnen in den Gottesdienst?

Schröder: Vor allem Bauern, alteingesessene Familien. Und Ostflüchtlinge. Sie fühlten sich der Kirchengemeinde stärker verbunden als die Einheimischen.

ZEIT: Gab es auch Katholiken in der Gegend?

Schröder: Keine einheimischen. Das waren exklusiv Flüchtlinge. Wie im Großteil der DDR.

ZEIT: Wie war das Verhältnis zu ihnen?

Schröder: Sehr lose, aber freundlich. Wir haben gemeinsam Erntedank gefeiert. Und sie haben unsere Kirchen genutzt, weil sie auf den Dörfern keine eigenen hatten. Allerdings zu anderen Uhrzeiten.

ZEIT: Die Ökumene hat in der DDR früher und besser funktioniert.

Schröder: Man wollte zusammenhalten – gegen eine herrschende Partei, die den Atheismus als Teil ihres Parteiprogramms verstand.

ZEIT: Welche Repressalien haben Sie als Pfarrer erlebt?

Schröder: Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Mir wurde irgendwann untersagt, einmal im Monat einen Gottesdienst im Altersheim zu halten. Als ich mich bei der Kreisärztin beschwert habe, meinte sie nur schnippisch: "Ich darf in Ihrer Kirche auch keine Rede über den SED-Parteitag halten." Ich habe gesagt: "Ich wusste noch gar nicht, dass das Altersheim der Partei gehört! Ich dachte, das gehört dem Staat." Man ist immer für dumm verkauft worden. Die Heimleiterin selbst war übrigens Gemeindemitglied und hat mir das Verbot mit Bedauern eröffnet.

ZEIT: Hatten Sie mit Ihrer Beschwerde Erfolg?

Schröder: Erst nachdem ich dem Vorsitzenden des Rats des Kreises gedroht habe: Wenn mir der Gottesdienst nicht wieder erlaubt wird, werde ich bei der nächsten Wahlversammlung jeden Abgeordneten fragen, ob er sich für mein Anliegen einsetzen möchte. Und da haben sie es wieder genehmigt. Daran konnte man sehen, dass diese verrückten Wahlen doch zu irgendetwas gut waren.