Du öffnest die Mail, und dein Herz schlägt schneller. Obwohl du schon weißt, was kommt: Wenn sie dich wollten, hätten sie nämlich angerufen. Immerhin kennt man sich aus dem Vorstellungsgespräch, und Gutes übermittelt jeder gern persönlich. Aber du bekommst nichts Gutes. Was du bekommst, ist eine Buchstabensuppe, in der Dinge schwimmen wie "Vielen Dank, dass Sie" und "Leider haben wir uns entschieden".

Wütend schließt du das Mailprogramm. Du starrst vor dich hin und wirst traurig, dann wieder wütend. Du überlegst, was du tun könntest, und hast zwei Ideen: Du könntest Handstand machen, mit den Füßen im Takt zu Queens Under Pressure klatschen und die Zeile "Why, why, why?" mitschreien. Oder Bloody Mary trinken.

Bloody Mary ist der einzige verbreitete Drink, der nach einem Fluch benannt ist. Verdammte Maria aber auch: Wer frustriert ist, flucht gerne. Es hilft. Und dank Bloody Mary ist es sogar gesellschaftsfähig. Also geh in eine laute Bar, lehn dich über die Theke, und schrei es heraus: Bloody Mary! Schon das Bestellen bringt grimmige Befriedigung. Wenn du das Glas dann an die Lippen hebst und die scharfe, sämige Mixtur deine Zunge kribbeln lässt, fällt dein Kopf mit einem Seufzen in den Nacken. Warum wolltest du diesen Job noch gleich? Egal. Die Bloody Mary kommt daher wie eine füllige Frau auf schmaler Treppe: Neben ihr ist kein Platz für anderes.

Am besten wirkt Bloody Mary allerdings selbstgemacht. Denn sie hält den Titel des kompliziertesten Drinks der Welt nicht umsonst: Die Hauptzutat ist Tomatensaft. So weit, so gut. Aber willst du lieber Gin, Tequila oder Wodka? Mehr Tabasco- als Worcestersauce? Cayenne- oder schwarzen Pfeffer? Salz: ja, gern, aber wie viel? Und Eis – ja oder nein, drei Würfel oder vier? Bloody Mary trinkt man möglichst dickflüssig, also Vorsicht mit Eis und Salz: Zu viel Eis verdirbt den Mix, und das Salz beschleunigt die Schmelze.

Und jetzt, endlich – nein, nicht trinken! Dir fehlt noch das Zubehör, und das hat es in sich: Limette oder Zitrone? Oliven, Karotten oder Staudensellerie? Meerrettich, eingelegte Bohnen, saure Gurken oder Meeresfrüchte? Zwiebelringe, Bacon oder Tofu?

Gerade weil Bloody Mary so kompliziert ist, mischst du am besten immer nur ein Glas auf einmal; dann das nächste, dann das nächste. Denn jedes gelungene Glas ist ein Erfolg. Und du brauchst jetzt alle Erfolge, die du kriegen kannst. Mit Bloody Mary schenkst du dir einen Abend voller Siege, neuen Mut und Heiterkeit: Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist. Bloody Mary!