Die Solidarität endet am 7. Juni 2016 an einer Klausursitzung. Am Tisch sitzen: fünf Juristen, ein Landwirt und eine Sekundarlehrerin. Zusammen bestellen sie – fünf Bürgerliche, zwei Linke – den Zürcher Regierungsrat. Gemeinsam fällen sie den Beschluss Nummer 556: dezentrale Drogenhilfe, Einstellung der Subventionierung. Sparpotenzial: 4,5 Millionen Franken. Sie besiegeln damit das Ende einer Zusammenarbeit, die ihren Anfang in den 1990er Jahren nimmt. Die offene Drogenszene lässt den Zürcher Platzspitz zum "Needle Park" werden, Menschen krepieren auf offener Straße. Irgendwann wissen es alle: Mit Repression allein kann dem Drogenelend nicht begegnet werden. Und: Die Stadt Zürich kann sich nicht allein um all die Süchtigen kümmern, die auch von weit her kommen, aus anderen Kantonen und dem nahen Ausland.

New York, ein paar Wochen vor dem Regierungsratsbeschluss. Alain Berset erhält Applaus für seine Rede an der UN-Sondersession zu Drogenfragen. Der Bundesrat wirbt für das Schweizer Vier-Säulen-Modell: Prävention, Therapie, Repression und Überlebenshilfe. Erst geächtet, gilt es heute als vorbildlich. Die Zahl der Drogentoten in der Schweiz ist noch ein Drittel so hoch wie vor 20 Jahren. Es reiche nicht, sagt Berset, nach Repression und Enthaltsamkeit zu rufen, um die verhängnisvollen humanitären und sozialen Folgen der Drogensucht in den Griff zu kriegen. Die Abhängigen müssten auch Zugang zu Medikamenten und Therapien enthalten.

Ausgerechnet der Kanton Zürich, der wie kein anderer von der Drogennot betroffen war, bringt nun eine dieser vier Säulen ins Wanken: die Überlebenshilfe. Ab nächstem Jahr fließt kein Geld mehr aus der Kantonskasse in die regionalen Angebote, in Fixerstübchen und Notschlafstellen, in betreute Wohn- und Arbeitsintegrationsprojekte. Und dies nicht etwa, weil die Angebote nicht nützen würden. Im Gegenteil. Der Kanton streicht die Gelder, weil die Strukturen, die geschaffen wurden, "etabliert sind" und weil sich die "Situation für suchtmittelabhängige Menschen in den letzten Jahren stark verbessert hat".

Diese Politik folgt einer eigentümlichen Logik: Was gut läuft, bedarf keiner Sorge mehr. Und so droht die regionale Suchthilfe Opfer ihres eigenen Erfolgs zu werden.

Die Not ist so groß, dass kreative Lösungen möglich werden

In Zürich scheint man die Zeiten vergessen zu haben, als in den Toiletten des Cafés Odeon gefixt wird; die Junkies als Kleinkriminelle durch die Gassen wanken, mit einer Lebensperspektive, nicht weiter als bis zum nächsten Schuss – und die Stadt Zürich deswegen weltweit für Schlagzeilen sorgt.

Fast zwei Jahrzehnte versucht die Polizei die offenen Szenen mit Repression aufzulösen. Und scheitert. 1994 eskaliert die Situation. Dealer liefern sich Schießereien, Politiker erhalten Morddrohungen, Süchtige gehen mit Spritzen auf Polizisten los. Der Leidensdruck ist so groß, dass die Kreativität bei allen Beteiligten wächst. Undenkbares wird denkbar und schließlich realisiert.

Auf Bundesebene prägt Bundesrätin Ruth Dreifuss eine neue Drogenpolitik. In Rekordtempo weitet sie die kontrollierte Heroinabgabe aus.

In Zürich sitzt man zusammen: Polizei, Gemeinden, der Kanton. "Dass alle am Tisch waren, war matchentscheidend, für alles, was nachher kam", sagt Monika Stocker, die damalige Stadtzürcher Sozialdirektorin. "Der Druck war enorm. Wir wussten, dass die Stadt vor die Hunde geht, wenn wir nicht zusammenstehen." Das Ziel: Die Stadt Zürich, die damals Lichtjahre von ihrem heutigen guten Ruf entfernt ist, soll entlastet werden. Und zwar mit dem gutschweizerischen Prinzip, Probleme in den Gemeinden zu lösen. Also an den Wohnorten der Junkies in Männedorf, Wald, in Winterthur oder Zürich Altstetten. Mancherorts wurde zuerst gemurrt – und dann umgesetzt.

Der Gemeindeverband entwickelt ein Finanzierungskonzept für die lokalen Einrichtungen. Solidarität ist gefragt – auch vom Kanton, der das Vorhaben von Beginn weg mitträgt.