An einem sonnigen Nachmittag im Frühjahr 2005 begebe ich mich aus Motiven, die mir heute schleierhaft sind, in die Aula der Sorbonne, um einer Veranstaltung zum Vertrag von Lissabon beizuwohnen. Ich bin Erasmus-Student in Frankreich. Das Land, in dem ich dank der EU zu Besuch lebe, bereitet sich auf ein Referendum zur europäischen Verfassung vor. In der Aula ist es dunkel und nicht sonderlich voll. Auf der Bühne sitzen Leute von der Europäischen Kommission sowie Dozenten der Universität, es geht um die Rechte der Kommission, die Macht des Parlaments, es sprechen Gegner und Befürworter des Vertrags.

Zum Ende darf das Publikum Fragen stellen. Es erhebt sich ein älterer Herr, der eigentlich nichts wissen will, eher etwas loswerden. "Dort oben", sagt er und richtet sich dabei an uns im Saal, "sitzen Leute, die angeblich Experten sind. Sie reden in komplizierten Wendungen und geben vor, etwas zu wissen. Die meisten von ihnen sagen, wir sollten den Vertrag ratifizieren. Ich frage mich: mit welchem Recht? Was heißt das denn, Experte? Wodurch unterscheiden sich diese Leute von uns, dem französischen Volk?"

Damals begriff ich nicht, was der Mann überhaupt wollte. Nichts schien mir selbstverständlicher, als die Leute auf der Bühne ernst zu nehmen. Natürlich wussten sie viel mehr als ich. Europa und Politik, das war ihr Job. In der Aula herrschte nach dem Ausbruch auch bloß betretenes Schweigen. Heute aber würde die Szene, glaube ich, anders verlaufen. Ich glaube, die Zuhörer würden Beifall klatschen.

In Paris begegnete mir damals ein Frühberufener einer Geisteshaltung, die inzwischen, siehe Brexit, Mehrheiten stellen kann: Diese Mehrheit mag sich nicht mehr belehren lassen von denen da oben. Und mit oben sind, anders als früher, nicht nur die Paläste gemeint, sondern immer öfter die Podien. Lieber als auf den Rat der Experten hört man jetzt auf Menschen, die Emotionen wecken, Ängste und Ressentiments. Die Abwägen als Zaudern abtun und Genauigkeit als Erbsenzählerei.

Auf den Punkt brachte es Michael Gove, der englische Brexit-Aktivist, der bis vor Kurzem noch hoffen durfte, britischer Premier zu werden. Kurz vor dem Referendum war Gove von einem Journalisten gefragt worden, warum sich das britische Volk eigentlich für den Austritt entscheiden sollte und damit gegen den Rat der EU, der Staatschefs von Indien, China und Amerika, gegen den Rat des National Health Service, des IWF, der Bank of England sowie fast aller Gewerkschaften. Gove sagte, das britische Volk solle seinem Instinkt vertrauen. Es habe die Schnauze voll von Experten. Der Ausgang des Referendums gab ihm recht.

Was hat der Experte eigentlich verbrochen, dass er derartigen Unwillen auf sich zieht? In ruhigeren Zeiten war er doch eine geachtete Figur. Brille, bunter Pullunder, hinter sich eine Bücherwand. Einer von denen, die Alexander Kluge in sein Studio holte. Aufgekratzt vor Begeisterung fürs eigene Fachgebiet. Bald vergessend, zu wem er spricht, aber auf seine Art eindrucksvoll. Man spürte: Der kennt sich aus.

Vermutlich haben selbst Leute wie Gove nichts gegen Wissenschaftler, die in ihren Instituten hocken und sich, wenn es passt, vor den eigenen Karren spannen lassen. Aber der Experte, den Gove verachtet, tut mehr als das. Er tritt aus seiner Sphäre an die Öffentlichkeit und beansprucht Autorität. Dort allerdings wird mit harten Bandagen um Aufmerksamkeit gekämpft. Und natürlich bietet der Experte reichlich Angriffsfläche. Man fragt ihn: Wer hat dich eigentlich zu unserem Anführer gewählt? Wer bist du, dass du so allwissend tust? Für wen arbeitest du wirklich? Und was weißt du in deiner Entrücktheit überhaupt von unseren Nöten?

So wandte sich damals der alte Herr in der Sorbonne gegen die Redner auf der Bühne. So wetterten jüngst die Brexit-Einpeitscher gegen die EU-Kommission, die offenbar von vielen als Zentralstelle des Expertentums wahrgenommen wird. Zwar nimmt das bisherige Fiasko in Großbritannien den EU-Gegnern anderer Länder gerade den Wind aus den Segeln. Doch der Groll gegen Fachleute greift um sich, ob es die Aufnahme von Flüchtlingen betrifft oder die Verschärfung des Sexualstrafrechts. Keiner hat mehr Bock auf Fakten. Politiker wie Marine Le Pen in Frankreich oder Frauke Petry in Deutschland verkaufen Ignoranz als Volksnähe.

Der Experte ist der Feind des Populisten

Das Problem des Experten ist dagegen, dass er auf die einfachen Fragen nach dem Weg aus der gesellschaftlichen Malaise keine einfachen Antworten hat. Max Weber, der sich über Expertentum endlos Gedanken machte, schrieb vor einem Jahrhundert, die Frucht vom Baum der Erkenntnis sei "aller menschlichen Bequemlichkeit unwillkommen". Wobei es mit dem bequemen Leben derzeit natürlich so eine Sache ist. Die Menschen, die keine Lust mehr auf Experten haben, sind teilweise mit sehr unbequemen, sehr konkreten Problemen konfrontiert, in England zum Beispiel einem Sozialstaat, der wie Eis unter der Sonne zusammenschmilzt. Und natürlich hören sie gern, wenn einer sagt: So lösen wir alle Probleme mit einem Schwertstreich. Wenn er ihnen nicht hochnäselnd erklärt, dass alles ein gordischer Knoten sei, an dem man lange rumfriemeln müsse.

Für jemanden, der um seine Zukunft fürchtet, klingt dieses Einerseits-andererseits-Gelaber schnell wie ein Nach-Ausreden-Suchen. Lavieren so nicht die Mächtigen, wenn man sie beim Lügen ertappt? Und ist der Experte nicht bloß ihre Marionette, die den Schlamassel entschuldigen soll? Unsere Welt ist verstörend komplex geworden; alte Gewissheiten gelten nicht mehr. Doch statt uns damit mühsam auseinanderzusetzen, machen wir den üblichen Fehler und bestrafen den Überbringer für seine schlechte Nachricht: Wir nehmen ihm das Mikro weg.

Man hat zwar den Eindruck, mehr und mehr mit Expertisen überschüttet zu werden. Sitzt nicht in jeder Talkrunde ein solcher Mensch? Nein. Den Platz des Experten hat ein anderer eingenommen: der Expertendarsteller. In den beliebtesten Shows von Anne Will bis hart aber fair sitzen vor allem Politiker, Buchautoren und Journalisten – Leute, die etwas zu verkaufen haben. Über Philosophie spricht Richard David Precht, "Philosoph". Volkswirtschaft erklärt Hans-Werner Sinn, "Ökonom". Geht es um den Nahen Osten, äußert sich Jürgen Todenhöfer, "Jürgen Todenhöfer". "Terror-Experte": Elmar Theveßen. "Griechenland-Expertin": Ulrike Herrmann. "Wissenschafts-Experte": Ranga Yogeshwar.

Die Expertendarsteller reden besser, als die Experten es taten; und die Fähigkeit, in Tweets und Quotes und Zehn-Sekunden-Schneidematerial zu reden, ist ihr eigentliches Fachgebiet. Sie machen ihre Sache so gut, dass wir schon vergessen haben, welche Menschen auf diesen Feldern die wahren Koryphäen sind.

Zu den Talkshow-Profis kommen dann all die Hanseln, die für Randthemen vor die Kamera gezerrt werden: die Pokémon-Experten, die Haus-Habsburg-Experten oder die, die für gar nichts Experte sind, aber trotzdem ihren Senf dazugeben dürfen. Es gibt im Internet das sogenannte Ja-Rule-Mem – wenn es richtig schwierig wird, ruft jemand nach dem längst vergessenen Rapper Ja Rule.

"Help us, Ja Rule!" Ja Rule wurde nämlich nach dem 11. September 2001 live von MTV angerufen, vermutlich einfach, weil irgendein Redakteur seine Nummer hatte. Er wurde gefragt, wie er denn so über die Anschläge und deren Konsequenzen denke. Der arme Ja Rule hatte wenig zu sagen, aber er passte ins Format.

Diese Inflation vermeintlicher Experten hat auch das Vertrauen in die echten ruiniert. Selbst wenn ein Nobelpreisträger spricht – ihm wird nicht mehr geglaubt. Wieder eine Meinung mehr. Und morgen kommt dann ein anderer Professor und erzählt das Gegenteil. Wissen die überhaupt, was sie sagen, oder behaupten sie das bloß? Wollen die uns wirklich helfen? Schon kursiert die Idee einer Lügenwissenschaft – also quasi einer Lügenpresse mit Fußnoten.

Getragen von einer solchen Stimmung können Verführer wie Michael Gove an den Instinkt appellieren: Die Zeit der Schwafler ist vorbei; jetzt muss etwas passieren. Es ist dann ja auch etwas passiert. Ein Land schlittert ins politische und ökonomische Chaos. Die Tatmenschen bekamen Angst vor der eigenen Courage und räumten abrupt die Bühne. Zurückgebeten wurde kleinlaut: der Experte. Selbst Boulevardzeitungen, die vorher noch für den EU-Austritt krakeelt hatten, suchten auf einmal nach Autoritäten. Die sollten nun erklären, ob sich die bittersten Konsequenzen der Entscheidung nicht doch noch vermeiden ließen.

Ich glaube, dass der Experte eine Entschuldigung verdient hat – nicht nur von den bereuenden Befürwortern des Brexits, sondern von allen, die weghören, wenn die Botschaft zu düster, zu kompliziert oder zu unentschlossen klingt. Sicher könnte der Experte selbst auch mehr dazu beitragen, dass man seinen Rat annimmt: Diskussionen suchen, statt zu hoffen, dass irgendwann doch noch Maischberger anruft. Befangenheiten offenlegen, "populär" nicht als Schimpfwort betrachten. Doch meiner Erfahrung nach ist der Experte viel besser als sein Ruf.

Als Journalist suche ich für Artikel immer wieder das Wissen der Spezialisten. Die Männer und Frauen, denen ich dabei begegne, sind in der Regel nicht abgehoben. Sie brauchen bloß eine Menge Zeit, um ihre Gedanken zu erklären. Ich verlasse solche Gespräche oft mit einem gemischten Gefühl: beunruhigt darüber, wie schwierig viele Fragen gelagert sind. Beruhigt darüber, dass es Leute gibt, die einen Überblick haben und die großen Linien sehen können. Wissen ist möglich, es bleibt bloß immer sperrig und bruchstückhaft – unbequem, wie Max Weber schrieb.

Die Anstrengung, es zu sammeln, haben wir an die Akademien übertragen, dort sitzen die meisten Experten. Die Unbequemlichkeit, ihnen zuzuhören, müssen wir allerdings selbst auf uns nehmen.

In einer komplizierten Zeit kommt Wahrheit nur selten einfach daher. Der Experte ist der natürliche Feind des Populisten, das weiß der Populist sehr genau. Genau deswegen brauchen wir die Experten mehr denn je.

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