Vorbild Australien: Vor einem Monat überraschte Außenminister Sebastian Kurz mit dem tatsächlich ernst gemeinten Vorschlag, die EU solle sich ein Vorbild an dem fünften Kontinent nehmen. "Wir müssen ein völlig neues Asylmodell schaffen", meinte er. "Das erfordert auch die Änderungen bestehender Bestimmungen." Das Modell aus Down Under sieht vor, dass Flüchtlinge gar nicht mehr australisches Festland betreten dürfen, sondern in Zentren auf vorgelagerten Inseln gepfercht werden. Lässt sich diese Praxis auf europäischen Maßstab kopieren? Warum nicht?

Wir schreiben die nicht so ferne Zukunft. Ein paar Jahre sind seit dem Brexit vergangen, und das britische Empire ist endgültig keines mehr. Nachdem Schottland für die Unabhängigkeit stimmte, schloss sich Nordirland der Republik Irland an. Schließlich zerfiel auch das Commonwealth of Nations, das sich von einem dezimierten Großbritannien ohne EU-Mitgliedschaft keine Vorteile mehr versprach.

Die Flüchtlingskrise, die nunmehr als Problem der ungeordneten Migration bezeichnet wurde, ist auf humanitäre Weise gelöst worden. Die massiven Migrationsbewegungen aus Gambia, Eritrea und dem Senegal konnten abgewehrt werden. Die Rechtspopulisten Europas, allen voran Norbert Hofer in seiner Rolle als österreichischer Präsident (mit deutlich erweiterten Befugnissen) und Marine Le Pen als Präsidentin Frankreichs, sind im Begriff, die EU in ein reines Wirtschafts- und Sicherheitsbündnis mit eingeschränktem Personenverkehr zu verwandeln. Sie sorgen dafür, dass die von Außenminister Kurz ausgerufenen und von etlichen EU-Staaten in solidarischem Einverständnis vollzogenen Grenzschließungen selbst in jenen Mitgliedsländern nicht mehr hinterfragt werden, die es sich zumindest theoretisch vorgenommen hatten, die Genfer Flüchtlingskonvention zu achten.

In einer Geheimkonferenz mit dem griechischen Premier Alexis Tsipras erarbeitet Kurz – neuerdings als Mitglied der FPÖ – zudem einen Rettungsplan, der Griechenland, das noch immer an den Folgen der Bankensanierung leidet, wirtschaftlich auf die Beine helfen soll: Er schlägt vor, die touristisch weniger beliebten und belebten griechischen Inseln zu mieten und auf ihnen jene Flüchtlinge unterzubringen, welche die Union laut Türkei-, Libyen- und Ägypten-Abkommen aufnehmen muss. Der Mietvertrag der Inseln ist auf zwanzig Jahre befristet, nach Ablauf dieser Zeit muss neu verhandelt werden. Polen, Ungarn, Rumänien, die Tschechische Republik, Slowakei, Litauen, Lettland, Estland, Dänemark, die Niederlande und sogar Schweden sind der Ansicht, dass es sich dabei um einen wirksamen Plan handelt.

Die Flüchtlinge stellen sich dem Boulevard vor, die Leser entscheiden, wer bleiben darf

Die restlichen EU-Staaten geben sich zweifelnd, sind aber insgeheim erleichtert (allen voran Finnland, wo die Wahren Finnen die stärkste Partei geworden sind), da sie meinen, zwei Krisen auf einen Schlag gelöst zu haben. Die Bewohner der unbeliebten griechischen Inseln wehren sich gegen die Maßnahme, es kommt zu Demonstrationen, sogar zu gewalttätigen Übergriffen, doch letztlich kann sich die griechische Regierung durchsetzen, die Rebellen einfangen und nach Athen überstellen, wo sie ihren Unmut im Gefängnis ausleben.

Die Inseln müssen gerodet werden, damit alle Flüchtlinge, die sich legal in Europa aufhalten, auf ihnen untergebracht werden können. Unter den neuen Wohnhäusern gibt es keines, das weniger als zwanzig Stockwerke hat. Die Wohnungen sind Einheiten von maximal 50 Quadratmetern, in denen nicht mehr als fünf Personen leben dürfen. Familien, die diese Anzahl überschreiten, werden getrennt. Jede Wohneinheit ist mit Überwachungskameras und Abhöranlagen ausgestattet, jedem Einwohner werden die Finger- und Handabdrücke abgenommen, außerdem wird ein Ganzkörperscan durchgeführt. All diese Daten werden in eine Datenbank eingespeist, auf die verbündete Geheimdienstorganisationen überall auf der Welt Zugriff haben. Man verspricht sich davon eine wirksame Maßnahme gegen den Terror. Der Protest gegen diese Form der Kriminalisierung Unschuldiger ist minimal, es gibt lediglich ein paar Unterschriftenlisten, die im Netz kursieren. Die Angst, dass es sich bei den aufgenommenen Menschen um getarnte Terroristen handeln könnte, ist in den letzten Jahren überproportional gewachsen. Sie wird vor allem vom neuen Präsidenten der EU-Kommission Geert Wilders geschürt, der seine Position dem mächtigen Rechtsruck in Europa verdankt, den die Wahl von Norbert Hofer zum Bundespräsidenten ausgelöst hatte.