Anton Hecken, 90 Jahre alt, ist klar im Kopf. Er leidet zwar ein wenig unter seinem Alter, unter Diabetes und Rheuma, aber solange er in Bewegung bleibt, geht es ihm gut. Doch dann wird er wegen diffuser Schmerzen im Oberbauch ins Krankenhaus eingewiesen. Fünf Tage lang wird Hecken untersucht. In dieser Zeit kommt er kaum aus dem Bett. Ein verklemmter Gallenstein lautet schließlich der Befund. Mittlerweile aber hat sich das Problem von allein gelöst, der Internist will den Patienten entlassen. Da kommt ein junger Chirurg ins Krankenzimmer: Der Stein müsse entfernt werden. Der Eingriff sei unbedenklich. In diesem hohen Alter müsse der Patient nach der OP nur wohl länger als gewöhnlich liegen – gefährlich für den alten Herrn. Anton Hecken versteht die überraschende Kehrtwende nicht und ruft seinen Sohn Josef an. Dieser verweigert die OP.

Josef Hecken ist nicht irgendwer, sondern Vorsitzender des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) von Ärzten, Zahnärzten, Psychotherapeuten, Krankenhäusern und Krankenkassen. Manche sagen, er sei der mächtigste Mann im Gesundheitswesen. Der G-BA entscheidet, welches Medikament, welche Therapie die Patienten bezahlt bekommen. Dabei orientiert sich der Ausschuss am Nutzen einer Therapie. Diesen müssen die Hersteller mit harten Daten belegen. Ob beispielsweise eine Arznei tatsächlich einen zu hohen Blutdruck senkt, ob eine neue Diagnosetechnik besser eine Krankheit entdeckt. Der G-BA folgt damit streng den Prinzipien der evidenzbasierten Medizin: Nicht das Bauchgefühl des Arztes soll entscheiden, was dem Patienten hilft, sondern die Klarheit wissenschaftlicher Studien.

Was bisher mangels Daten kaum in die Bewertung einfloss: ob eine Therapie für das Leben eines Kranken tatsächlich wertvoll ist. Denn was nutzt die beste Blutdruckpille, wenn dem Patienten davon schwindelig wird und er sie deshalb nicht schluckt? Was hilft einem 90-Jährigen eine OP, nach der er zwar seine Gallensteine los ist, aber gleichzeitig so geschwächt ist, dass er niemals wieder aus dem Bett kommt?

Solche Fragen sollen sich Ärzte in Zukunft häufiger stellen. Sie sollen bei ihren Entscheidungen den Wert (englisch: value ) von Therapien für den Patienten berücksichtigen. Patientenwohl als ethischer Maßstab für das Krankenhaus heißt der Report, den im April dieses Jahres der Deutsche Ethikrat publizierte. Die Beachtung des individuellen Patientenbedarfs solle in Zukunft stärkeres Gewicht erhalten, heißt es darin. Im Mai lud die Berliner Ärztekammer zum ersten deutschen Kongress zum Thema Value Based Healthcare ein. Auch hier lautete die Forderung: Nicht die Statistik, sondern das Wohl der Patienten solle das ärztliche Handeln leiten. Das klingt selbstverständlich, ist im Grunde aber revolutionär.

Dass es der heutigen Medizin oft eher um die Anwendung starrer Leitlinien als um den einzelnen Kranken geht, musste der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken bei seinem Vater erleben. Dem eifrigen jungen Chirurgen ist nämlich eigentlich nichts vorzuwerfen. Sein Drängen zur Operation folgte schlicht der Logik des Systems. Ärzte sind gehalten, ihre Patienten nach offiziellen, auf großen wissenschaftlichen Analysen basierenden Leitlinien zu behandeln. Und die sehen in diesem konkreten Fall eben vor: Die Gallensteine müssen raus.

Wer nach Leitlinien behandelt, stellt sicher, dass er seine Leistungen als Arzt – ob in der Praxis oder in der Klinik – abrechnen kann. Zusätzlich zielt das Abrechnungssystem der sogenannten Fallpauschalen darauf ab, möglichst viele Diagnosen zu generieren. Je nach Diagnose erhält die Klinik für die Behandlung einen bestimmten pauschalen Betrag. Dieser Fixpreis soll ein Anreiz sein, die Strukturen optimal auszulasten und die Liegezeiten zu verkürzen. Tatsächlich liegen die Patienten heute deutlich kürzer im Krankenhaus als vor Einführung der Fallpauschalen im Jahr 2003. Gleichzeitig dreht sich die Debatte in den deutschen Kliniken nun immer häufiger darum, welche Behandlungen sich am besten pauschal abrechnen lassen. Der einzelne Patient gerät dabei häufig aus dem Blick.

Drei von vier Medizinern halten die Versorgung der Patienten für gefährdet

Mit der Gallen-OP hätte die kleine Klinik insofern nur gewonnen. Trotzdem wäre die Therapie für seinen Vater wohl der sichere Weg ins Pflegeheim gewesen, sagt Josef Hecken. Früher war der G-BA-Vorsitzende, selbst Jurist, ein glühender Verfechter der evidenzbasierten Medizin. Doch Erlebnisse wie die Episode mit seinem Vater haben ihn nachdenklich gemacht. Jede Subdisziplin in der Medizin verfolge eigene Ziele und suche nach dem optimalen Behandlungsergebnis aus ihrer Perspektive. Damit gehe der Blick "auf den Patienten in seiner Ganzheitlichkeit" verloren. Für den Kranken könne das "zu einem ganz fatalen Ergebnis führen", sagt Hecken.