Es gibt vielerlei Hinweise für die zunehmende Entfremdung zwischen Patienten und ihren "Leistungserbringern", wie Ärzte, Zahnärzte, Apotheker und Hospitäler offiziell heißen. Seit Jahren wächst die Zahl der Deutschen, die Angebote der Alternativmedizin – Homöopathie, Akupunktur, Irisdiagnostik – nutzen, obwohl sie diese meist selbst bezahlen müssen. Mehr als die Hälfte aller Deutschen versteht nicht, was der Arzt bei der Visite sagt oder wovor Beipackzettel warnen. Das Deutsche Institut für Medizinische Dokumentation beziffert die medizinischen Kosten durch nicht geschluckte Medikamente auf zehn Milliarden Euro. Und auch die steigende Nachfrage nach Patientenverfügungen sind ein Zeichen dafür, dass die Menschen ihren Ärzten nicht mehr bedingungslos vertrauen. Mit diesem Schriftstück versuchen die Menschen, eine Übertherapie am Lebensende zu verhindern.

Auch Mediziner hadern mit ihrer Profession. In einer Erhebung des Instituts für Freie Berufe klagten zwei Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte über schlechtes Arbeitsklima, Zeitmangel, Arbeitsüberlastung und beschränkte Entscheidungsbefugnisse. So fragt der Medizinische Dienst der Krankenkassen, der die Ärzte kontrolliert, immer wieder hartnäckig nach, wenn ein Mediziner von den Leitlinien seines Fachgebietes abweicht – was aber gerade bei alten Patienten mit vielen verschiedenen Leiden oft notwendig ist. Im Krankenhaus wiederum klagen die Ärzte über die zunehmende Bürokratie oder darüber, dass sie immer mehr Patienten durchschleusen müssten. In einer Umfrage der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin antworteten sogar drei von vier Medizinern, dass die Qualität der Patientenversorgung gefährdet sei. Einer der am häufigsten genannten Faktoren: Übertherapie.

Noch kann das deutsche Gesundheitssystem großzügig alles, was sich wissenschaftlich als nützlich erwiesen hat, anbieten. Großbritannien gibt für sein staatlich organisiertes Gesundheitswesen seit je weit weniger Geld aus. Nach der Finanzkrise kappte der britische Staat die Gesundheitsausgaben erneut. Ärzte und Gesundheitspolitiker mussten sich fragen, wie sie mit den begrenzten Mitteln das Beste für ihre Patienten herausschlagen konnten.

Das war die Stunde der value based medicine auf der Insel. Vorreiter dieser Idee ist der schottische Arzt Muir Gray. Lange stand auch sein Name für harte Daten, Gray war sogar einer der Begründer der evidenzbasierten Medizin. Doch schon früh hatte er gefordert, neben der Empirie auch die individuellen Vorstellungen der Patienten zu berücksichtigen. "Damals war nur niemand daran interessiert", sagt Gray. Inzwischen ist sein Haar weiß und wallend, sein Lächeln milde. Heute berät der Schotte unter anderem das britische Gesundheitsministerium als Chief Knowledge Officer, und wie Hecken kämpft der zum Sir geadelte Muir Gray für die Lebensqualität als neue Orientierungsmarke in der Medizin.

Therapieentscheidungen müssten verstärkt auch psychische und soziale Bedürfnisse des einzelnen Patienten einbeziehen, fordert Gray und gibt ein Beispiel: "Was bringt es einem strenggläubigen Muslim, dem wir leitliniengemäß die kaputten Knie ersetzen, der sich aber nach dem Eingriff nicht mehr auf den Gebetsteppich knien kann?" Eine Physiotherapie würde die Kniebeschwerden nur lindern und nicht heilen – dafür aber bliebe das Seelenheil des Gläubigen bewahrt.

Dass britische Gesundheitspolitiker Sir Muir Grays Rat schätzen, entspringt aber nicht nur humanistischen Motiven. Ihr Ziel ist es auch zu sparen. Im engeren Sinne steht value in den angelsächsischen Ländern nicht für eine ganzheitliche Medizin, sondern für den Geldwert. Es geht darum, wie man mit begrenzten Mitteln einer möglichst großen Zahl von Patienten möglichst viele gesunde Lebensjahre ermöglicht. Ein Arzt muss dabei nicht nur sicherstellen, dass er die richtige Therapie für seine Patienten auswählt, sondern auch, dass seine Patienten den Rat befolgen. Das lässt sich kontrollieren. So kann man mit Blutanalysen herausfinden, wie genau Diabetiker ärztliche Anweisungen umsetzen. Je besser ihr Blutzuckerspiegel eingestellt ist, desto seltener müssen die Patienten auf lange Sicht wegen Spätschäden ins Krankenhaus. Das spart Geld. In den USA wird bereits ein Drittel aller Behandlungen im staatlichen Medicare-System nach diesem Prinzip abgerechnet. Meistens mit Erfolg: Die Patienten müssen seltener ins Krankenhaus, brauchen weniger Medikamente und sind insgesamt gesünder.

Wenn es also gut läuft, treffen sich in der "wertbasierten Medizin" wirtschaftliche Interessen des Staates mit den individuellen Belangen der Patienten. Im Extremfall kann das Konzept aber auch zur Beschränkung, sprich Rationierung von medizinischen Leistungen führen. Etwa wenn eine sehr teure Krebstherapie als nicht mehr "rentabel" gilt, weil sie das Leben eines Patienten nur um wenige Wochen verlängert. Schließlich ließe sich mit der Summe für eine größere Anzahl anderer Patienten mehr an Lebensqualität erreichen.