Egal ob sich der Sommer je einstellt – irgendwann kommt zumindest der Urlaub. Und mit dieser mehr oder minder heiteren Zwangseinrichtung der Moderne taucht unweigerlich die Frage auf, ob man endlich den Mann ohne Eigenschaften lesen soll oder doch sicherheitshalber auf dünnere Bücher im Gepäck setzt – dafür aber auf mehrere davon? Gar nicht so einfach, denn zum Ferienterror gehört untrennbar die Optionsparalyse angesichts möglicher Lektüren. Das geht Hörern nicht anders als Lesern. Hier ist also zur Entscheidungshilfe sehr unterschiedlicher Hörstoff für den Urlaub: Glücklich werden nicht nur Kinder mit Esther Kinskys Buch OpOs Reise über das Leben der Wale, zauberhaft illustriert von Falk Nordmann – und in der Hörbuchvariante eingelesen von der Stimmgroßmeisterin Dagmar Manzel. Wale durchpflügen gemeinsam die Ozeane über Tausende Kilometer, und die Geschichte vom alten Pilotwal OpO, von dem die jungen Wale auf solch einer gemeinsamen Reise an die englische Südostküste viel lernen, ist anrührend und lehrreich – jeder Urlauber will danach im Meer diese interessanten Pilotwale suchen! Anders sehen Ferien in Brandenburg aus, zumal in den achtziger Jahren: "Niemand fragte etwas, keiner gab Antworten" – das ist das Problem Antons mit "trägen DDR-Sonntagnachmittagen". Also will er mitten in der Provinz einen coolen New-Wave-Club von Weltrang etablieren. Diesen verrückten Zonenjugendtraum erzählt Alexander Kühne maximal authentisch in seinem Roman Düsterbusch City Lights, als Hörbuch lässt es Jona Mues sehr spaßig aus den Boxen scherbeln (Der Audio Verlag, 10 h, 19,99 €).

Weitaus melancholischer geht es in den Erzählungen Judith Hermanns zu, in denen die Träume ihrer Figuren schon ziemlich zerbröselt sind. Wer die verrauchte Stimme der Autorin im Ohr hat, wird über ihre Lesung staunen: Denn statt der bisherigen Aura von verinnerlichter Langsamkeit versucht es die reifere Judith Hermann mit einer nervöseren, schwankenden Interpretation, um die Fragilität moderner Mittelschicht-Existenzen hörbar zu machen (Lettipark, Der Hörverlag, 3 h 30 Min., 18,99 €). Nach Paris geht es in einem Klassiker, den jetzt eine geglückte SWR-Hörspielproduktion mit dem großartig intensiven Jens Harzer am Mikrofon inszeniert: Rainer Maria Rilkes Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge (Der Hörverlag, 2 h 35 Min., 16,99 €). Der junge Malte taucht ein in die Metropole Paris um 1900, deren Bilder sich mit den Erinnerungen an seine dänische Kindheit vermischen – das Hörspiel verwandelt Maltes Sinnsuche in seiner eigenen Seele in ein inneres Abenteuer von heute. Und vielleicht kann so ein akustischer Urlaub tatsächlich lebensverändernd sein?