Der 14. Juli ist traditionell der Tag der Revolution: Am heutigen Donnerstag bekommt tatsächlich eine Literaturkritikerin einen der einflussreichsten kulturpolitischen Posten, die es in Deutschland gibt – allerdings brav gewählt, ohne Barrikadenkampf. Ina Hartwig wurde von der örtlichen SPD als Kulturdezernentin in Frankfurt nominiert. Dieses Amt hat seit dem legendären Hilmar Hoffmann einen besonderen Klang; der mittlerweile 90-jährige Sozialdemokrat hatte den Posten zwischen 1970 und 1990 inne und machte die Bankenmetropole zu einer internationalen Kunstmetropole, vor allem durch das Museumsufer am Main und den Wiederaufbau der Alten Oper. Seit zehn Jahren amtierte Felix Semmelroth von der CDU als durchaus erfolgreicher Kulturdezernent, jedoch einigte sich die Koalition im Frankfurter Römer auf eine Postenrochade, und Semmelroth trat zurück.

Auf Semmelroth folgt nun eine der renommiertesten Literaturkritikerinnen, die vielfach ausgezeichnet wurde. Die 53-jährige Ina Hartwig lebt seit 1997 in Frankfurt, wo sie bis 2010 Literaturredakteurin der Frankfurter Rundschau war und seither frei arbeitete, vor allem für die Süddeutsche Zeitung und die ZEIT. Bis eben saß sie im Berliner Wissenschaftskolleg am Schreibtisch, wo sie im beschaulichen Grunewald an einer Biografie von Ingeborg Bachmann arbeitete, über die sie zuletzt auch einen Dokumentarfilm drehte.

Nun also statt Einsamkeit und Freiheit Parteitage und Beschlussvorlagen – der Frankfurter Kritikerkollege Marcel Reich-Ranicki hätte gewiss ein "verrrrrrückt" ausgerufen. So schlug ihr denn auch gleiche massive Skepsis entgegen: FAZ- Mitherausgeber Jürgen Kaube orakelte, dass es für Hartwig "anstrengend" werde, "die vielen guten und schwierigen Spannungen in dieser Stadt so zu bearbeiten", dass die hohe kulturelle Qualität erhalten bleibe. Denn als Intellektuelle sei sie doch keine Diplomatin, ästhetisch sehr anspruchsvoll und außerästhetisch feministisch. Herrje, welch Revolution am Main!

Tatsächlich birgt jeder Quereinstieg spezielle Risiken. Ebenso oft ermöglicht er allerdings neue Impulse und Akzente gegen überholte Routinen – deswegen kommen Organisationen zum Glück ab und an auf solche Ideen. Ina Hartwig, die seit vier Jahren SPD-Mitglied und außerästhetisch wahrlich nicht auf Feminismus zu verengen ist, dürfte der Rollenwechsel zur Kulturpolitikerin nicht schwerer fallen als anderen, zumal man auch vielen Schreibtischmenschen bekanntlich eine gesunde Lust an der Macht zutrauen kann. Das Verwaltungs-Klein-Klein lässt sich in Kauf nehmen – wie im sonstigen Leben auch. Dafür muss sich die frankophile Ina Hartwig gewiss nicht einmal de Gaulles Schriftstellerminister André Malraux auf den Nachttisch legen. Wir sind vorfreudig gespannt auf die Kritikerin in Amt und Würden. Romanstoff bietet sie ohnehin.